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Pistenkuh · Sabine und Burkhard Koch

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Suedafrika-Alltagserlebnisse

Kapstadt, 24°, sonnig, Wind.

Liebe Freunde,
wir waren vor ein paar Tagen in Kapstadt, das normale Touristenprogramm und sind jetzt an einsamen Buchten der Westküste. Das Meer ist zu kalt und zu rau um zu baden, aber die Temperaturen sind mit um die 24 Grad angenehm kühl, im Gegensatz zu der unerträglichen Sommerhitze im Landesinnern.
Viel zu schreiben gibt es nicht, normaler Alltag. 40-50 Kilometer fahren, Strandspaziergang, Kaffee trinken, an der neuen DVD arbeiten, kochen und essen. Sundowner, das war’s.
Das Küstenstück, an dem wir uns im Moment aufhalten ist absolut einsam. 200 Kilometer sind wir jetzt auf kleinen Sandpisten immer an der Küste entlang gefahren und haben in den acht Tagen einen einzigen Menschen (und der hatte sich verfahren) getroffen.
Also Zeit, ein paar Erlebnisse der letzten Monate noch nach zu reichen.

Zuviel Taschengeld

Auf einem Camp beim Blyde-River beobachte ich drei Schwarze, wie sie eine Grillstelle mauern. Mit Wasserwaage, normalerweise wird in Afrika nach Augenmaß gebaut, aber hier im zivilisierten Südafrika ist es anders. Ein richtiges Vorankommen ist nicht erkennbar, obwohl ich nur alle zwei, drei Stunden ein Blick auf die Baustelle werfe. Am Abend, nach 9 Stunden Arbeit, rücken die drei Arbeiter ab. Schubkarre, Schaufel, Kelle und Wasserwaage bleiben kreuz und quer speisverkrustet liegen. Am nächsten Tag geht’s weiter. Aber die Baustelle wird immer noch nicht fertig. Am dritten Tag suche ich das Gespräch und erfahre wie hart ihr Leben ist. 9 Stunden tägliche Arbeit, harte Arbeit auf dem Bau, so wie hier und dafür gibt es nur umgerechnet 10 Euro am Tag, plus Frühstück plus Mittagessen plus Taxigeld für die Fahrt zur Arbeitsstelle. 10 Euro am Tag, ein Taschengeld, wie sollen sie damit ihre Familien ernähren? Ich weiß es nicht. Aber wenn ich die Leistung sehe, ein kleines gemauertes „U“ in knapp drei Tagen mit drei Mann, dass macht 80,- Euro Arbeitslohn, nicht gerade billig. Übrigens ist das „Bauwerk“ trotz Wasserwaage schief geworden, weil man unfortunately die Speisverkrustungen an der Wasserwaage mit eingemessen hat. Sorry man.

Alles sicher

Und wo wir unfortunately schon einmal auf Campingplätzen sind, noch eine Geschichte aus dem Krügerpark: Unsere Campsite hat, wie die benachbarte Campsite, keinen Strom. Uns stört es nicht, denn unsere Solarzellen liefern genug, aber unserem Nachbarn tauen die Boerewürste auf. Langsam kommt ein Elektriker angeschlendert, öffnet den Sicherungskasten und steht minutenlang davor. Nichts passiert. Nach einer halben Stunde gehe ich mal gucken. Als einziges Werkzeug hat er einen großen Schraubenzieher. Sonst nichts. Er ist deutlich überfordert, weiß nicht, was er machen soll. Ich hole mein Multimeter. Ein Messinstrument hat der Elektriker noch nie gesehen. Kurz die Anschlüsse durchgemessen und die Sache ist klar, die Sicherung ist durch. Der Elektriker strahlt, schließt den Verteilerkasten und zieht von dannen. Feierabend. Der Bure flucht, faselt etwas von Affen auf dem Platz und zieht seine Kasperbude zu einer anderen Campsite.
Am nächsten morgen kommt ein anderer Elektriker, als einziges Werkzeug bringt er einen Seitenschneider mit. Mit dem Seitenschneider würgt er die Verschlussschrauben auf und starrt minutenlang in den Verteilerkasten. Ich erkläre den Sachverhalt, dass nur die Sicherung durch ist und leihe ihm mein Multimeter. Nehme es ihm aber sofort wieder weg, als er es auf Ampere einstellt und damit an die 240 Volt Leitung will. Er schließt den Verteilerkasten und verschwindet auf nimmer wiedersehen. Am nächsten Tag reisen wir ab. Ich weiß also nicht, ob die Sicherung jemals ausgewechselt worden ist.

Wo ist der Einbrecher?

Inzwischen sind wir in Britz, sitzen bei Judith und Ralf auf der Terrasse und trinken Kaffee, na ja eigentlich war es Bier, aber Nachmittags schon Bier trinken, wirft gewiss ein schlechtes Licht auf mich, also nennen wir es Kaffee.
Die Beiden haben ein kleines Häuschen auf dem Land gemietet, wo alle Häuser ein paar hundert Meter auseinander stehen.
Plötzlich kommt langsam ein Polizeiwagen auf den Hof gefahren. Ich denke reflexartig an meinen abgelaufenen TÜV. Die beiden Polizisten steigen langsam aus, grüßen freundlich und fragen: „Wo ist der Einbrecher?“ „Hä.“ „Sie haben doch angerufen, dass hier gerade eingebrochen worden ist.“ „Hä, nein hier ist alles okay. Wie ist den der Name, oder die Adresse wo sie hin müssen?“ „Ähhh. Ja, das habe ich vergessen. Ich rufe noch mal in der Zentrale an.“ Der Polizist nimmt sein Handy und telefoniert. Besetzt. Fünf Minuten später versucht er es nochmals, diesmal mit Erfolg. „Boekwater ist die Farm, die gerade überfallen wird.“ „Das ist die Farm zwei Straßen weiter, rechts rein.“ Die Polizisten steigen in ihren Wagen und verschwinden so langsam wie sie gekommen sind.

Die Reifenreparatur

Wegen der vielen Reaktionen auf unseren „Werkstattbericht“ vor einigen Wochen hier die von Vielen geforderte Geschichte der neuen Reifen.

Also los.
Pretoria, hier soll es alles geben, was das Herz wünscht. Wir suchen Reifen in der Größe 14.00 R 20. Durch Freunde haben wir zwei Werkstattadressen bekommen, die alte Militärfahrzeuge auf zivile Fahrzeuge umrüsten und unsere Vermutung ist richtig: Hier gibt es gebrauchte Reifen in der entsprechenden Größe zu Hauf. Genauer gesagt über 250 Stück. Die Preisverhandlungen sind schwierig, weil der Preis unter der Schmerzgrenze des Verkäufers liegt und oberhalb meiner. Meine Schmerzgrenze werde ich hier nicht nennen, weil ihr mich für verrückt haltet, soviel für etwas schwarzen Gummi auf den Tisch legen zu wollen.
Im Krügerpark haben wir eine Gruppe von Rotel-Tours getroffen. Ihr wisst, die mit den langen roten Bussen und den 5 Kilo-Eimern Sauerkraut. Der Fahrer war nett und gab mir die Adresse des Reifenhändlers, wo seine Firma Reifen kauft, gleiche Größe 14.00 R 20, allerdings nur Neureifen, keine runderneuerten, keine Gebrauchten, keinen Schrott. Für Neureifen war der Preis sagenhaft günstig, aber mir immer noch zu teuer.
Und dann kommen wir durch einen kleinen Ort, Namen schon vergessen, und fahren an einem kleinen „Conti“-Laden vorbei.
„Ich frage mal nach Preisen“, sage ich zu Sabine, „nur um einen Vergleich zu haben“, und parke auf dem Hof.
Der Chef wittert ein großes Geschäft. Es wird telefoniert und telefoniert. Dann hat er einen Preis und der Preis liegt genau an meiner Schmerzgrenze.
„Was sind das für Reifen.“
„Militärprofil, 80-90 % Profil.“
„Sind genug vorrätig?“
„Ja, jede Menge.“
Aha, er hat wahrscheinlich eine der Quellen, die ich auch kenne, aber sein Preis ist etwas günstiger als den Preis, den man mir gemacht hat. Der übliche Zuschlag für Overseas ist natürlich auch hier berücksichtigt.
„Für schwarze Reifen gebe ich nur Schwarzgeld.“ „Okay.“ Klasse, da spare ich auch noch die Steuer.
Am nächsten Morgen sollen die Reifen montiert werden.
Ich befürchte, dass er seinen Neger mit dem Pick-up los schickt und dieser einfach die ersten vier besten Reifen auflädt. Mitfahren kann ich nicht, er will seine Lieferanten nicht verraten.
„Mach dir keine Sorgen, ich fahre persönlich hin und suche dir die besten Reifen aus“, beruhigt mich der Chef. „Kannst ja dafür dann was in die Kaffeekasse tun.“
Am nächsten Morgen der Schock. Auf dem Hof stehen fünf Reifen, einer schlechter als der andere. 80-90 % Profil haben sie zwar, aber ausgerissene Stollen, mehrfach geflickt, Risse in den Flanken, uralt.
„Das ist ein Scherz? Sie haben doch gesagt, sie suchen persönlich die Besten raus und jetzt steht hier nur Schrott.“
„Ja, gebrauchte Reifen sind doch keine Neureifen, du musst sie ja nicht nehmen, zahl mir den Transport und die Sache ist vergessen.“
Ich sehe mir die Reifen noch mal genauer an. Einen kann man ganz vergessen - abgefahren und einen Riss in der Flanke -, die anderen vier könnten es mit Glück bis Nordafrika schaffen.
Es gibt natürlich nichts in die Kaffeekasse und er geht beim Preis noch mal 10,- Euro pro Stück runter. „Okay, montieren.“
Die Mitarbeiter in der Werkstatt sind alle schwarz, alle aus Zimbabwe, aber schnell und gut.
Vorne links ist fertig montiert, vorne rechts macht Schwierigkeiten, der Reifen hat ein Loch und muss erst mal geflickt werden. Nicht nur das, ein zweites Loch muss vorhanden sein, denn es zischt immer noch. Okay, noch mal runter und flicken. Inzwischen ist auch vorne links die Luft wieder raus. Also auch diesen Reifen noch mal runter und flicken. Der Linke Hinterreifen muss dreimal geflickt werden und der Chef schnauzt den Schwarzen an, warum er so viele Flicken verbraucht. Der Zimbabwer ist mir sympathisch und erzählt viel aus seiner Heimat. Hier arbeitet er für den normalen Lohn von 140,- Euro im Monat, 6 Tage die Woche. Er wohnt in einer Blechbaracke im Slum vor dem Ort und zahlt dafür 10,- Euro Miete im Monat.
„Warum nimmst du eine Reisetasche mit zur Arbeit“, frage ich ihn, als ich sehe, dass er sein Handy aus der riesigen Tasche holt. Er öffnet die Tasche und zeigt mir den Inhalt: „Hier guck, das ist alles was ich habe, ich kann nichts in meinem Haus lassen, das wird sonst geklaut während ich arbeiten gehe.“
In der Reisetasche befinden sich ein paar Klamotten, ein paar geputzte Schuhe, ein kaputter CD-Player ein Kissen und eine Decke sowie eine Plastiktüte mit seinen Papieren und das besagte Handy.
Hinten rechts hat nur ein Loch, aber nach viermaligem Flicken ist es immer noch nicht dicht.
Jetzt kommt der Chef selbst. Nein, nicht zum Arbeiten, zum Kommandieren.
Der Chef erklärt den Reifen für dicht. Dass unter dem Wasserstrahl deutliche Luftblasen zu sehen sind, erklärt er für normal und „dann musst du den Reifen halt einmal im Monat nachfüllen.“ „Und das Loch wird nicht größer? Und der Flicken hält?“, frage ich ungläubig. „Der hält die Luft mindestens einen Monat, damit kannst du noch mal ganz um Afrika fahren, garantiert.“ 160 Kilometer später stehe ich am Straßenrand und flicke genau dieses Loch, weil die Luft nur noch vier Stunden hält.
Das konnte ich da zwar schon ahnen, aber nicht wissen. Ich mache folgenden Vorschlag:
Wir brechen die Aktion jetzt ab, ich komme morgen wieder und er tauscht diesen einen Reifen gegen einen besseren aus. Und dann kommt die Antwort: „Es gibt keine Reifen mehr, es waren nur diese fünf zu haben.“ Ich müsse den Reifen nicht nehmen, ich könne ja auch nur drei Reifen kaufen.
Aber da ihr ja schon wisst, dass ich den Reifen später selbst repariert habe, wisst ihr auch, wie die Geschichte ausging.

Soviel für heute.
Wir sind jetzt entlang der Westküste unterwegs, auf dem Weg nach Namibia. In drei Wochen erwarten wir den Besuch eines guten Freundes und bis dahin wollen wir in Windhuk sein.

Liebe Grüße
Sabine und Burkhard

 

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