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Die Tage werden kürzer, kühler und regenreicher. Es wird Zeit, die Pistenkuh zu packen und Richtung Süden zu ziehen.
Am 1. September geht es los. Zunächst nach Wetzlar zum Globetrotter-Treffen von Willy Jansen, dann die A-5 runter nach Bad Säckingen, Alexander (Fa. Alustar) besuchen und noch eine Kleinigkeit am Deutz richten.
Das folgende Wochenende sind wir in der Schweiz, besuchen Fritz und Rosemarie, die wir in Wasserburg kennen lernten und die uns sofort sympathisch waren.
Im kleinen Bergstädtchen Livignio werden wir unsere Pistenkuh an die Dieseltränke führen, zollfrei natürlich. Dann geht es über Italien, Slowenien, Kroatien, Bosnien, Serbien, Bulgarien und Griechenland in die Türkei. Ob an der Schwarzmeerküste entlang oder eine andere Strecke entscheiden wir kurzfristig vor Ort. Ziel jedenfalls ist der Grenzübergang bei Dogubayazit am Fuße des Ararat.
Unser Visum für den Iran haben wir nach wochenlanger Warterei endlich bekommen und wir dürfen uns vier Wochen frei in dem Land bewegen. Einreisen wollen wir Anfang Oktober, so dass wir Anfang November nach Pakistan reisen. Ab Pakistan werden unsere Zeitvorstellungen sehr wage. Im Dezember wollen wir in Nepal sein, wegen des guten Fotolichtes, gleichzeitig wären wir Silvester gerne in Goa am Hippiestrand. Hier verliert sich dann entgültig unsere Vorstellung. Wie und wann es dann wohin weiter geht entscheiden wir dann.
Die Bearbeitung unserer Visa für Iran dauerte länger als angenommen. Insgesamt 5 Wochen benötigten wir bzw. die Iraner, bis wir unsere Pässe mit den Visa zurück hatten. Nun wurde es mit den noch fehlenden Visa für Indien knapp. Kurzerhand ließen wir uns die Pässe von der Indischen Botschaft direkt zu Freunden in der Nähe von Bad Säckingen schicken, die wir nach der Abreise noch für ein paar Tage besuchen wollten.
„Hi Alex, wir kommen euch noch mal besuchen und vorher kommt Post für uns per Einschreiben.“
„Wir sind 14 Tage im Urlaub, hörst du das Meeresrauschen im Hintergrund, das ist der Strand von Sardinien.“
Mir fehlen die Worte. Das es so etwas wie Urlaub gibt, ist mir total entfallen.
Alexander beendet das Schweigen: „Keine Sorge, der Nachbar hat den Schlüssel, ihr könnt es euch in unserer Wohnung bequem machen bis wir wieder zurück sind, und die Post könnt ihr auch durchsehen.“
Als wir in Bad Säckingen ankommen ist unser Brief schon angekommen und die Wohnung brauchen wir natürlich auch nicht, haben ja unsere Eigene und so geht es gleich weiter in die Schweiz.
In Livigno tanken wir voll, leider ist der Tank nicht ganz leer und so gehen nur 720 Liter rein. Schade.
In Italien ändern wir geringfügig unsere Reiseroute. Wir wollen ans Meer zum Baden und endlich noch mal in den Naturpark der Plitvicer Seen, also nicht so schnell in die Türkei, wie zunächst geplant.

Erinnerungen werden wach. Fast zwanzig mal war ich Anfang der 90iger mit Hilfslieferungen in Kroatien. In Ortschaften wie Otocac, Gospic oder Karlovac, wo vor 15 Jahren Granaten und Maschinengewehre zu hören waren, ist es jetzt ruhig. Der Pulvergestank ist verflogen, aber überall sieht man die Zeugnisse des Krieges. Wir sehen Häuser mit eingefallenen Dächern, zerbrochenen Scheiben und Löchern in den Wänden unbewohnt am Straßenrand stehen. Aber die meisten Häuser sind renoviert, die Einschusslöcher zugeputzt, das Dach neu gedeckt und neues Glas in den Fenstern.
In Otocac erinnere ich mich an eine alte Frau, der wir vor mehr als zehn Jahren Lebensmittel brachten, damit sie eine Chance hatte, den Winter zu überleben. Damals war das Dach eingefallen und provisorisch mit Blech aus alten Ölfässern geschlossen, die Fenster waren notdürftig mit Brettern und Plastikfolie zugenagelt, die gegenüberliegende Kirche zerstört und das Gelände vermint.
Heute sind neue Fenster in dem Haus, davor stehen Blumenbänke mit Geranien. Im Garten wächst wieder Gemüse und die Pflaumenbäume sind erntereif. Hoffnung ist zurück gekehrt, Frauen verkaufen am Straßenrand Honig und Käse oder selbstgehäkelte Deckchen.
Wir fahren über Landstraßen weiter Richtung Osten. Von Bihac nach Sarajevo. Das Bild ändert sich kaum, doch hier in Bosnien sind die Fensterlöcher mit Strohballen verschlossen, Wäsche hängt zum trocknen auf der Leine und Frauen kochen auf dem Holzherd vor dem Haus. Die Ruinen werden im Gegensatz zu Kroatien teilweise noch bewohnt.
Überall wird neu gebaut. Moderne Supermärkte, Baumärkte und Frischbetonwerke entstehen in jeder kleineren Stadt.
Ein kleines Abenteuer erleben wir im Grenzgebiet zu Serbien. Die Teerstraße geht in eine Schotterpiste über und verengt sich auf eine Fahrspur.
Plötzlich sind wir auf einem ehemaligen Bahndamm unterwegs. Für 20 Kilometer geht es durch eine atemberaubende, wilde Schlucht. Die Tachonadel steigt nicht über die 30iger Marke, es geht durch unzählige Tunnel die scheinbar genau für unseren Deutz mit seinen 3,50 Meter Höhe gebaut zu sein scheinen. Ein Tunnel folgt dem nächsten, dazwischen immer wieder Brücken über den durch die Schlucht rauschenden Fluss. Verkehr gibt es nicht, Gegenverkehr wäre auch eine kleine Katastrophe, denn der Bahndamm ist genau deutzbreit.
Schade, dass nach knapp einer Stunde die Mischung aus Spannung und Spaß vorbei ist.
An der Grenze zu Bulgarien sind alle Zöllner sehr nett und viele sprechen gut deutsch.
Nachdem alle Papiere eingescannt und mit dem Computer abgeglichen wurden, sind wir in Bulgarien. Fast, denn der letzte Schlagbaum öffnet sich erst nach Entrichtung einer Straßenbenutzungsgebühr. 46,- Euro soll ich zahlen, die spinnen.
„Mein Auto sieht nur groß aus, ist es aber nicht, in Wirklichkeit ist es ein ganz normales Wohnmobil, so wie ein VW-Bus oder ein Kombi, halt ein Maxi-PKW.“
„Nein, 46 Euro müssen sie schon zahlen, das ist nicht so viel wie für einen schweren LKW und gilt einen Monat.“
„Ich schaff das in einem Tag in die Türkei, gibt’s kein Tagesticket?“
„Nein, aber ein Wochenticket für 18,- Euro.“
„Aha, aber was kostet denn ein PKW?“
„4,- Euro die Woche oder 9,- Euro für einen Monat.“
„Dann nehme ich das PKW-Wochenticket zu 4,- Euro.“
„Nein, 18,- Euro für das Solo-LKW-Ticket müssen sie schon zahlen.“
„Okay, dann für 9,- Euro das PKW Monatsticket und ich bleibe nur maximal eine Woche. Jetzt bin ich ihnen aber weit entgegen gekommen, jetzt müssen sie sich aber auch mal einen Ruck geben.“
„Okay, 9,- Euro, weil sie so nett sind und scheinbar eine weite Reise vor sich haben.“
Vorsicht: Der folgende Abschnitt ist radikal subjektiv
Wir sind noch nicht in der Türkei, noch nicht richtig in moslemischen Ländern, wenn auch in Bosnien einige Moscheen rumstehen und schon fällt uns der Papst in den Rücken.
Den Karikaturen-Streit und die Reaktionen hat der Papst wohl nicht mit bekommen. Hat wohl noch nie mitbekommen, das muslimische geistliche Führer etwas fehl interpretieren. Was bekommt der Papst von der Welt überhaupt mit? Warum hat der keine Berater?
Jetzt will er allen erzählen, er hätte die Möglichkeit, dass sein Zitat aus dem Sinnverständnis gelöst wird und zu Fehl-Interpretationen führen könne, nicht bedacht.
Was ist das für ein Papst, der keine zwei Schritte im Voraus denkt oder denken kann?
Aber wenn er so naiv und dumm wäre, wie er vorgibt, dann wäre er nicht Papst geworden. Also doch Berechnung?
Oder hat der Herr Ratzinger noch nicht begriffen, dass er keine Vorlesungen an der UNI mehr hält sondern nun unfehlbar zu sein hat.
Der Unfehlbare macht nun uns persönlich das Leben ein Stück schwerer.
Egal, ich werde mich auf die Diskussionen im Nahen-Osten einstellen. In Ägypten, Jordanien und Syrien musste ich mir im Frühjahr anhören, das die Juden mit dem CAI gemeinsam das World-Trade-Center zerstörten, das die Karikaturen in Dänemark von Juden gezeichnet und der Chefredakteur ebenfalls ein Jude sei, zumindest seien die Zeichnungen von Juden in Auftrag gegeben und bezahlt worden. Und die Vogelgrippe: Natürlich jüdische Forscher in amerikanischen Labors.
Ich werde leugnen das der Papst Deutscher ist. Ich werde behaupten der Papst sei Däne, oder gar ein Jude, aber zumindest ist er von den Juden für die Rede bezahlt worden.
Aber wahrscheinlich wird es genau das sein, was man mir die Araber in den nächsten Tagen beibringen wollen.
Sollte der Papst mit seinem Zitat nur die Frage „Wie haltet ihr es in eurer Religion mit der Gewalt?“ an die Muslime gerichtet haben, dann bekommt er jetzt die deutliche Antwort.
Papstpuppen werden im Irak verbrannt, in Somalia wird eine katholische Krankenschwester erschossen und in der arabischen Welt werden Plakate mit der Aufschrift „Kreuzigt den Papst“ aufgehangen.
Bei der Einreise gibt es kleine Probleme wegen der großen Dieselmenge, die sich in unseren Tanks befindet. Zöllner diskutieren und klopfen immer wieder unsere Tanks ab, bis schließlich jemand in ziviler Kleidung dazugerufen wird, der sofort die Diskussion beendet, mir die Reisepässe wieder gibt und uns gute Fahrt wünscht. Ich hatte schon mit größeren Problemen gerechnet. Sehr nett.
Vor fünf Monaten waren wir das letzte Mal in Istanbul, sind aber nur durch gefahren, weil es regnete. Diesmal war das Wetter besser, also auf nach Alt-Istanbul. Wir finden keinen Parkplatz, die Gassen werden enger, unser Deutz passt kaum hindurch. Wir geben auf und fahren aus der Stadt raus, ohne irgendetwas gesehen zu haben. Weder die Hagia Sophia, noch die Blaue Moschee oder den Topkapi-Palast. Und natürlich auch nicht die alten Basare etc.
Aber Istanbul liegt noch öfter auf dem Weg und wird unser Tor zum Orient sein. Beim nächsten Mal werden wir genauer planen, werden mit dem Fahrzeug auf einen Campingplatz gehen und mit dem Bus oder Taxi in die Stadt fahren, dann aber für ein paar Tage dort bleiben.
Bis dahin müsst ihr euch Istanbul (wie wir) bei Google-Earth ansehen.
Wir fahren die Schwarzmeerküste entlang. 
Die Menschen sind ausgesprochen freundlich, winken uns zu und grüßen von weitem. Es ist Erntezeit. Fanden wir Obst und Gemüse im Frühjahr extrem teuer, ist jetzt alles spotbillig. Das Kilo kostet alles ca. 50 Eurocent, egal ob Kartoffel, Zwiebel, Tomaten, Pflaumen, Äpfel, kernlose Weintrauben, Nektarinen oder was man haben möchte.

Auf den Straßen liegen Berge von Haselnüssen zum Trocknen. Die Türkei ist der größte Haselnussexporteur der Welt.
Überall ist es möglich, frei zu campen, ob in einsamen Buchten am Strand oder auf dem Plateau mit Blick über die grüne Küste.
Wir fahren auf der Autobahn, wobei Autobahn nicht mit deutscher Autobahn zu vergleichen ist. Hier weiden Kühe auf dem Mittelstreifen, Straßenhändler bieten auf dem Standstreifen ihre Produkte an und Mopedfahrer kommen einem auch auf der linken Spur entgegen.
Ein Polizeiauto überholt uns und deutet wir sollen anhalten. Ich habe die durchgezogene Linie überfahren, im Überholverbot überholt und meine Geschwindigkeit betrug 80km/h statt der erlaubten 50km/h. Alles richtig, aber warum soll ausgerechnet ich nun umgerechnet 107 Euro zahlen, wo jeder schneller fährt als 80, jeder überholt und jeder die durchgezogene Linie überfährt. Keiner wird angehalten nur die armen Touristen?
Die Diskussion beginnt. Ich kämpfe mit allen Tricks. Nach knapp 20 Minuten, ich will mich gerade geschlagen geben und zahlen, als mir der Polizist meine Papiere zurück gibt und mir ohne Strafe eine gute Fahrt wünscht. Sie sind wirklich nett, wenn auch nicht immer sofort.
Wir wissen, dass Freunde von uns ebenfalls in der Türkei unterwegs sind. Wir stehen per SMS mit Enten-Uwe in Kontakt. Uwe ist mit seiner Ente auf dem Weg nach Kappadokien, leider passt es zeitlich nicht, dass wir uns treffen. Dafür treffen wir uns mit anderen Magirusfahrern bei Trabzon. Jürgen und Petra reisen seit ein paar Wochen zufällig mit anderen Bekannten (Susi und Manfred mit Unimog) von uns durch die Türkei. Wir fahren nun mit drei Fahrzeugen weiter ins Kurdengebiet nach Dogubayazit. Ziel ist der Palast Ishak-Pasa den der Kurdenführer hier in der rauen Bergwelt im 18Jh. errichten lies. Mehr als 1.000 Frauen sollen zu seinem Harem gehört haben.

Hier trennen sich unsere Wege. Jürgen, Petra, Susi und Manfred haben ihren östlichsten Reise-Punkt erreicht und fahren Richtung Van. Wir fahren morgen in den Iran.

Zum Schluss noch etwas, wo wir von der Türkei lernen können:
Früher tranken die Türken Kaffee, den sie importierten. Atatürk probagierte das Teetrinken, der an der Schwarzmeerküste gut gedeiht. Die Türkei ist einer der größten Teeproduzenten der Welt, jedoch alles für den Eigenbedarf, so ist man von dem Kaffeeimport unabhängig.
Also, warum den Tag nicht mit einer Flasche Bier beginnen? Bier statt Kaffee!
Die Ausreise aus der Türkei ist schnell erledigt, Helfer drängen ihre Hilfe gegen Bakschisch auf, aber auf deren Hilfe kann man verzichten.
Auf der iranischen Seite werden wir sehr freundlich begrüßt. Ein Iraner zeigt seine Ausweisplakette und erklärt uns jeden einzelnen Schritt. Pässe stempeln, Immigrationsbüro, Carnet des Fahrzeuges stempeln lassen und das Schönste, er macht alles, ich brauche nur hinterher laufen. Das ist Service. Natürlich auch noch alles kostenlos, nicht mal die Frage nach Kugelschreiber oder Geschenke. Nach 90 Minuten öffnet sich der Schlagbaum und wir sind im Land der Mullahs.
Das Land riecht nach Öl oder besser nach Diesel. Das kommt von den übervollen Tanks der Lastwagen, die sich auf der anderen Grenzseite für die Ausreise in die Türkei stauen. Kilometerlang ist die Schlange und aus fast jedem Tank tropft der billige Diesel auf die Straße.
Hier im Iran kostet der Liter umgerechnet 1,4 Eurocent und ist damit nirgends auf der Welt so billig. In der Türkei in Dogubayazit gibt es geschmuggelten iranischen Diesel für ca. 75 Eurocent, ein gutes Geschäft für die Lastwagenfahrer.
Aber der billige Diesel hat einen riesengroßen Nachteil: Es gibt ihn nur mit Mühe.
Das verstaatlichte Tankstellennetz ist viel zu gering für den anfallenden Transport. Für private Tankgesellschaften würde es sich auch nicht lohnen, denn ein 20000 Liter Tanklastzug hat gerade mal einen Ladungswert von 300 Euro. Wie soll man da das Zeug transportieren und verkaufen?
An vielen der wenigen Tankstellen liegen die Zapfhähne auf den Zapfsäulen oder liegen mit einem Knoten auf dem Boden, als Zeichen das es hier nichts zu holen gibt.
An den Tankstellen die Diesel haben, stauen sich zig Busse und Lastwagen.
In Tabriz reihen wir uns in eine solche Reihe ein und warten.
Die Lkw-Fahrer sagen, das in ein bis zwei Stunden ein Tankwagen mit Diesel kommt. Noch ist die Tankstelle trocken, aber bald geht es los. Tatsächlich, nach etwas mehr als einer Stunde kommt der Tankwagen. 30.000 Liter hat er dabei und sobald der Treibstoff aus dem Lkw in den unterirdischen Tank fließt wird auch mit dem Tanken begonnen. Der Tankwart und die anderen Lkw-Fahrer lassen uns vor. Vor mir steht ein Überlandbus und ich kann es kaum glauben, er tankt fast 1600 Liter. Alle Lkw und Busse haben riesige Dieseltanks untergeschraubt, so wird der Diesel vielleicht für 30 Lastwagen reichen, dann muss wieder auf den nächsten Tanklastzug gewartet werden. Wir sind glücklich, endlich Diesel bekommen zu haben, auch wenn wir nicht voll machen dürften, nach 300 Liter nimmt der Tankwart mir die Pistole ab. Wir zahlen umgerechnet vier Euro und machen uns auf den Weg nach Teheran.
Am nächsten Tag ein weiterer Versuch. Wieder reihen wir uns in die Warteschlange. Nach knapp 2 Stunden sind wir dran. Auch diesmal nimmt mir der Tankwart nach 350 Litern die Pistole ab. Was soll das? Die Einheimischen dürfen 1000 und mehr Liter tanken, nur ich nicht. Aber wir bekommen unsere Tanks auch voll, nur dauert es halt jedes Mal fast zwei Stunden für läppische 300 Liter.
300 Kilometer vor Teheran stehen wir wieder in der Warteschlange. Üblicherweise gibt es zwei Dieselzapfsäulen, nur diesmal ist eine kaputt und die Verbleibende ist im Dauereinsatz. Der Lkw vor mir tankt. Plötzlich dringt hell-grauer Rauch aus der Verkleidung der Zapfsäule und es riecht nach verbranntem Gummi. Keiner stört sich daran. Der Qualm wird stärker, der Tankwart schraubt die Verkleidung ab und weiter geht der Tankvorgang. Jetzt sind wir an der Reihe. Lkw-Fahrer diskutieren mit dem Tankwart. Einige wollen warten und die verbleibende Zapfsäule schonen und abkühlen lassen, andere wollen weitertanken. Nichts geschieht, was Allah nicht will. Okay, weiter tanken. Ich halte die Pistole in den Tank, drücke den Hebel durch und Diesel rauscht in meinen Tank. Der Qualm wird immer dichter. Ich hoffe nur, das die Säule meine 300 Liter noch durchhält bevor irgendetwas endgültig durchgeschmort ist.
Es klappt. Schade das es davon keine Bilder gibt.
Die Straßen sind gut, wir kommen schnell voran. Ich habe den Eindruck, in der Türkei gibt es mehr Moscheen als in Iran. Auch haben wir in Marokko oder Algerien mehr Männer am Straßenrand gen Mekka beten sehen als hier. Dafür sehen wir Männer, die im Ramadan recht offen ihren Tee trinken und sogar essen. Alle Frauen tragen Kopftuch, nur wenige sind total verschleiert, das gehört hier zur Kleiderordnung. Auch Sabine muss Kopftuch tragen, selbst ihr Passbild für das Visum musste mit Kopftuch gemacht werden.
Die Männer sind überaus freundlich, sie winken uns zu und helfen jederzeit. Wenn ich die arabischen Verkehrsschilder nicht lesen kann um die richtige Richtung zu finden, bietet sich sofort jemand an, der mit seinem Auto voraus fährt und uns den Weg zeigt. Wenn die Richtung eindeutig ist, dreht er um und macht Zeichen, ab jetzt immer gerade aus. Ich habe noch nicht mal die Möglichkeit, mich zu bedanken.

Wir sehen keine einzige Satellitenschüssel auf den Hausdächern. SAT-TV ist verboten, es gibt nur die staatlich zensierten Fernsehprogramme über Antenne.
In Afrika habe ich oft an dem Nutzen der Satellitenschüsseln gezweifelt. Menschen bekommen eine Welt gezeigt, zu der sie nie Zugang erhalten. Bedürfnisse werden geweckt, aber eine Befriedigung wird es nie geben. Vielleicht wären die Menschen glücklicher ohne die westlichen Fernsehprogramme?
Aber hier im Iran, nur mit vorselektierten einseitigen Berichten ist mir klar geworden, dass die Vorteile einer umfassenden Information zur Meinungsbildung durch SAT-TV die Nachteile der unbefriedigten Bedürfnisse mehr als wett machen.
Schade, der Iran verfügt über die größten Energiereserven an Öl und Gas auf der Welt. Was könnte man aus diesem Land alles machen, wenn die Mächtigen zum Wohle des Volkes handeln würden.
Im März 1959 unterzeichnete der Iran ein Verteidigungsabkommen mit den USA und intensivierte seine politischen Beziehungen zu westeuropäischen Staaten. Am 23. Juli 1960 erkannte der Iran den Staat Israel an. Dieser Schritt führte zu Konflikten mit Ägypten und anderen Staaten der Arabischen Liga.
Frauen bekamen politische Rechte. Der Verschleierungszwang für Frauen wurde aufgehoben und Kleidung im westlichen Stil eingeführt. Generell erfolgte eine Hinwendung zum Westen und zur Übernahme westlicher Lebensformen. Das Land konnte ein beträchtliches Wirtschaftswachstum verzeichnen, der Lebensstandard der Bevölkerung stieg.
Dies endete 1979 mit der Islamischen Revolution, der Vertreibung des Schahs und der Rückkehr Khomeinis aus dem Exil. Es wurde eine neue Verfassung verabschiedet und das Land in eine Islamische Republik umgewandelt. Damit bestimmen die Prinzipien des Islam die sozialen, politischen und ökonomischen Grundlagen des Landes. Die höchste Autorität des Staates ist der Führer der Islamischen Revolution.
Nach der Islamischen Revolution wurden das Erziehungssystem und das kulturelle Leben islamischen Prinzipien angepasst, westliche Werte und Lebensstil zurückgedrängt. Die Frauen sollten wieder ihre traditionellen Rollen einnehmen, Kinos wurden geschlossen, Radiosender mussten ihren Betrieb einstellen. Die Frauen mussten in der Öffentlichkeit wieder den Tschador tragen, ein langes, schwarzes Tuch, das Körper und Kopf umhüllt.
Ausländische Investoren zogen sich zurück, die Wirtschaft brach ein.
Im April 1995 verhängten die Vereinigten Staaten von Amerika unter dem Vorwurf der Unterstützung des internationalen Terrorismus gegen den Iran ein Handelsembargo. Internationale Organisationen werfen dem Iran wiederholt schwere Verstöße gegen die Menschenrechte vor.
Eines steht fest, die Iraner sind die freundlichsten Menschen, die wir bisher auf unseren Reisen getroffen haben. Bis auf ganz, ganz wenige Ausnahmen sind alle absolut korrekt, keiner nimmt höhere Preise von uns oder bettelt uns an. Die Iraner sind höflich und hilfsbereit ohne jeden Eigennutz. Viele bezeichnen ihren Präsident und die Mullahs als Irre, von fanatischen, fundamental religiösen Extremisten keine Spur. Das Bild, das in Deutschland über den Iran existiert, ist falsch.
Für Reisende ein sehr angenehmes Land. Überall gibt es tolle Übernachtungsplätze (wild), das Land ist im Vergleich zu den arabischen Ländern sehr sauber, die Straßen erstklassig.
Wir können jedem empfehlen, den Iran zu besuchen, es lohnt sich.
Die Kosten sind absolut günstig. Mit 100 Euro kann man einen Monat über die Runden kommen, incl. Essengehen, Taxifahren, Eintrittsgelder und 1.500 Liter Diesel.
Preisbeispiele:
Coca-Cola 1,5 L = 0,26 Euro
Tortenstück bei Konditor (super gut) 0,15 Euro
Hühnchenkebab incl. Salatteller und Cola im Fastfood-Restaurant 1,40 Euro
100 Liter Diesel 1,40 Euro J
Taxifahrt quer durch die Stadt 1,50 Euro
Wir fahren auf der Autobahn von Tabriz nach Teheran. Von hinten kommt ein Polizeiwagen, macht neben mir Blaulicht und Sirene an. Die rote Kelle kommt raus und wir stoppen auf dem Seitenstreifen. Mir gehen die letzten Minuten durch den Kopf, aber ich meine völlig korrekt gefahren zu sein, kein Überholmanöver, nicht zu schnell, einfach nichts.
Der Polizist steigt aus und kommt an meine Tür
„Hallo, wich contry?“
„I am from germany, Sir.“
“Wellcome to iran, have a nice time, goodbye.”
Er steigt in seinen Polizeiwagen und rast davon.
Durch einen netten Ex-Arbeitskollegen von Sabine haben wir Kontakt zu einer deutschen Familie in Teheran bekommen. Diese wollen wir besuchen. Monsen hat in Deutschland studiert und ist selbstständig, Sandra arbeitet im Büro einer deutschen Firma als Sekräterin. Beide wohnen und leben seit mehr als 20 Jahren in Teheran.
Wir treffen uns in ihrem Büro. Das Wachpersonal stellt uns einen Besucherausweis aus und wir dürfen hinter die hohen Mauern auf das Firmengelände, das sich Deutsche und Engländer teilen. Wir sind in einer anderen Welt, eine Europäische Oase. Ich muss umdenken, jetzt zuerst die Damen begrüßen, natürlich mit Händedruck, dann erst die Herren. Natürlich läuft hier niemand mit Schleier, sondern sommerlich gekleidet wie in jedem anderen Büro in Deutschland. Nur wenn sich die großen Stahltore öffnen und die Mitarbeiterinnen das Firmengelände verlassen, wird das Kopftuch und ein langer Mantel ohne Gürtel, denn die Figur darf nicht betont werden, angezogen. Die Mitarbeiter scheinen eine große Familie zu sein. Der Geschäftsführer lädt uns zum Tee ein und anschließend fahren wir zu Sandra nach Hause.
Monsen und Sandra wohnen ca. 25 Kilometer außerhalb Teherans am Fuße der Berge in klarer Luft und entfernt von Hektik und Stress der Millionenstadt. Ihr Haus ist überwältigend:
750 qm Wohnfläche, Schwimmbad, eigener kleiner Sportplatz, Fitnessstudio und Sauna im Keller. Kaminzimmer, mehrere Bäder, Gästesuite Sonnenterasse etc. verstehen sich von selbst. Am anderen Ende des Gartens ist die Wohnung des Hausmeisters und seiner Frau, die im Haushalt hilft.
Am Abend ist Monsen von seiner Familie ins Restaurant zum Essen eingeladen. Natürlich werden wir miteingeladen und machen uns auf den Weg. Wir sind überrascht, 80 bis 100 Gäste sind geladen, nur mal so, ohne wichtigen Anlass. Bei Hochzeiten sind mindestens 300 Personen für mehrere Tage zu bewirten, wer das nicht kann gilt als ärmlich. Arm ist die Familie von Monsen sicherlich nicht, man macht Urlaub in Dubai oder USA, auch mehrmals im Jahr oder fliegt zur Fußball-WM nach Deutschland. Häuser unter 300qm Wohnfläche sind für Monsen Wochenendhäuser, von denen er mehrer besitzt. Wir verschweigen, dass unsere letzte Wohnung nur ca. 100 qm hatte.
Es ist ein großes Büffet aufgebaut. Ich freue mich, kann ich doch von allen persischen Köstlichkeiten probieren, nur wo fang ich an? Nach dem zweiten Teller ist mir klar, ich werde nicht alles schaffen, zuviel verschiedenes wird angeboten und alles super lecker. Plötzlich wird das Büffet abgeräumt. Wie unhöflich denke ich, vielleicht hätte ich ja noch einen dritten Teller essen wollen. Doch dann werden neue Platten aufgetragen. Das komplette Büffet ändert sich, das erste war nur die Vorspeise, jetzt kommen die Hauptgerichte und für die Nachspeise ändert sich das Ganze nochmals komplett. Verschiedene Kuchen, Puddings, Cremes und Eis wird aufgetragen und natürlich alle Früchte, welche die Welt zu bieten hat.
Nach der Nachspeise stehen plötzlich alle auf und fahren nach Hause, ein gemütliches beisammen sein nach dem Essen gibt es nicht.
Wir bleiben fünf Tage, verstehen uns mit Sandra und Monsen auf Anhieb gut. Ich bewundere Monsen´s Einstellung und Ansichten. Für ihn ist es z.B. selbstverständlich, dass seine beiden Töchter in Deutschland studieren. Für viele andere aus dem islamischen Kulturkreis wäre es undenkbar, eine unverheiratete junge Dame (dazu noch hübsch, clever und nett) allein in ein anderes Land zu schicken.
Wir unternehmen viel, Monsen und Sandra wollen uns viel von Teheran zeigen, merken aber bald, dass wir rechte Kulturmuffel sind, kein rechtes Interesse an alten Steinen, Gräbern und Moscheen haben, dafür mehr an Gesprächen über Politik und die Lebensweise im Iran interessiert sind.
Interessant war ein Abend mit Bürokollegen von Angelika.
Früher, zu Schahs Zeiten gab es über 25.000 Deutsche in Teheran, heute sind es nicht mehr viele, dafür werden die wenigen aber hofiert. Natürlich wird man regelmäßig vom Botschafter eingeladen, lernt schnell Manager der internationalen Konzerne kennen und ist daher gut informiert, was politisch und gesellschaftlich passiert und wer mit wem welche Geschäfte wie macht.
Die Mitarbeiter sind ebenso interessant. Es gibt welche, die großen Spaß haben, an der Herausforderung eines fremden Landes, die könnte man irgendwo auf der Welt absetzen und die kriegten in wenigen Tagen alles organisiert und auf die Reihe, bei Anderen frage ich mich, warum sind die hier, wären die in Deutschland nicht besser aufgehoben und im Extrem frage ich mich, wer hat den ins Flugzeug gesetzt und seinen Koffer gepackt, allein wäre der nie hier angekommen, aber nett ist er trotzdem, halt nur völlig hilflos, kriegt noch nicht mal ein paar Tassen, Gläser und Teller gekauft. Man kriegt schon fast Mitleid.
Dabei gibt es hier in Teheran alles zu kaufen. Computerläden mit neuester Technik, große Musikgeschäfte mit E-Gitarren, Klaviere etc. Deutsche Bäckerei, amerikanisches Fast-Food, Waschmaschine und Geschirrspüler von Miele oder Neff. Es gibt wirklich alles, genau wie in Frankfurt oder Köln. Alkohol und Pornos natürlich nur unter der Ladentheke, aber genau so gut sortiert wie in Deutschland (zumindest der Alkohol, das Andere kann ich nicht beurteilen), allerdings zum drei- bis vierfachen Preis.
Gefahren wird wie in Kairo, Casablanca oder Damaskus. Man kann es vergleichen mit Autoscooter auf dem Jahrmarkt, nur das hier noch Fußgänger und Mopedfahrer dazu kommen. Mir macht das Fahren großen Spaß, vielmehr als in Deutschland, es scheint keine Ordnung und Regel zu geben, allerdings muss ich mich hoch konzentrieren, um den Verkehr im Überblick zu haben.
Noch mehr Spaß macht es bei Monsen in seinem Geländewagen mit zu fahren. Immer wenn ich denke: „Oh, das gibt jetzt eine Beule“, passt es auf den Zentimeter.
Auf der Autobahn ist viel Verkehr wir wechseln von der fünften Spur auf den Standstreifen, überholen zwei Autos rechts und wieder quer rüber auf die dritte Spur, alles mit Vollgas und Handy am Ohr. Aber so fährt jeder. Verkehrt in eine Einbahnstraße, die Tachonadel erreicht die 50iger Marke, keiner stört sich daran.
„Sag mal Monsen, fährst du lieber hier oder in Deutschland Auto?“
„Lieber hier, in Deutschland muss ich Blinken, wenn ich mich falsch eingeordnet habe muss ich abbiegen obwohl ich das gar nicht will, ich muss in den Rückspiegel sehen, auf Ampeln, Schilder und Radfahrer achten. Hier ist es ganz einfach, hier muss ich nur fahren, hier ist für mich nur das Existent, was ich sehe.“
Satelliten-Fernsehen ist verboten, aber überall finden sich versteckte Schüsseln. 80% der Iraner gucken per Satellit. Gelegentlich kommt ein Revolutionswächter oder wie auch immer sich die Sittenwächter nennen und beschlagnahmt die Schüssel, aber in Teheran kann man jederzeit für ca. 100 Euro eine neue Schüssel kaufen. Die Bürger sind also gut informiert.
Die Schulpflicht beträgt zwar nur fünf Jahre, aber für die Eltern, auch aus unteren Schichten, ist es eine große Ehre wenn die Nachkommen eine weiterführende Schule besuchen. Daher wird sich eher verschuldet, Nachhilfe gegeben etc., als nach der fünften Klasse abgegangen.
Die Iraner sind überwiegend Schiiten und ihre Moscheen haben in der Regel kein Minarett und fallen daher in der Wohnbebauung kaum auf.

Wir gehen in einem Park spazieren. Ich sehe einen jungen Mann mit einer roten Armbinde und frage, Fatima, die Tochter von Monsen: „Welche Behinderung hat der?“
Fatima lacht: „Der ist Sittenwächter, aber normalerweise tragen sie keine Armbinde sondern laufen in zivil. Sie zeigen die Frauen an, die kein Kopftuch tragen, und achten besonders auf junge Pärchen in den Parkanlagen. Der Austausch von Zärtlichkeiten ist verboten. Geht man mit einem Mann Hand in Hand spazieren kann man jederzeit von einem Sittenwächter angesprochen werden. Ist man nicht verheiratet oder verwandt, geht es auf die Polizeiwache und lange Verhöre folgen. Erlösen kann einen dann nur der Vater, der auch die Strafe zahlen muss.“
„Sag mal Monsen, die Bevölkerung will das so?“
„Quatsch, keiner will das, die Regierung hat keinen Rückhalt in der Bevölkerung. Mahmud Ahmadinedschad nennen die Meisten doch nur „den Irren“. Mit dem Schah waren einige unzufrieden und von der Revolution haben sich viele Verbesserungen erhofft, die teilweise auch kamen, aber das es so kommt, damit hat doch keiner gerechnet. Das Leben auf den Straßen täuscht, alles was früher problemlos in der Öffentlichkeit möglich war findet jetzt hinter verschlossenen Türen statt. Nimm zum Beispiel den Wein: Früher hatten wir sechs Weinkellereien im Iran. Nach der Revolution wurden diese geschlossen und es gibt offiziell keinen Wein mehr. Wahrscheinlich gibt es jetzt 6 Millionen Kellereien, denn jeder macht seinen Wein im Keller selbst. Oder die Prostituierten. Offiziell gibt es so etwas nicht, aber jeder weiß, es gibt jetzt durch die steigende Armut mehr als zu Zeiten des Schah, wahrscheinlich mehr als in Deutschland und so ist es mit Allem.“
„Ich habe noch nie eine gesehen.“
„Sie laufen natürlich nicht im Minirock rum, wenn du länger hier bist, wirst du sie erkennen.“
„Warum unternimmt keiner was?“
„Weil es ein Überwachungsstaat ist, jeder Protest endet im Gefängnis. Man kann nie sicher sein, ob das Telefon abgehört wird, ob auf Feten Spitzel dabei sind oder nicht, wer will da etwas riskieren. Aber wenn du genau hin siehst, erkennst du den Protest. Viele Frauen tragen farbige Kopftücher, lassen Haare herausgucken, und tragen Lippenstift.“
„Und bringt das was?“
„Vor 15 Jahren gab es bei den Banken, der Post und bei anderen öffentlichen Gebäuden zwei Eingänge, einen für Männer und einen für Frauen. Bei den Frauen kontrollierte ein Sittenwächter und mit Lippenstift durfte man nicht in das Gebäude. In den Bussen waren in der Mitte Gitter. Vorne stiegen die Männer in den Bus, hinten die Frauen. Heute sitzen die Frauen zwar getrennt von den Männern, aber die Gitter sind weg.“
„Wie geht es weiter?“
„Wir warten, dass die Zeit der Irren vorbei ist, aber so was wie im Irak wollen wir auf keinen Fall. Wir brauchen keine USA. Wir wollen keinen neuen Irren.“
Einige Tage später sind wir in Isfahan. Die Stadt ist eine alte religiöse Stadt, fast alle Frauen tragen den schwarzen Tschador, der den ganzen Körper verhüllt, so dass teilweise nur die Augen zu sehen sind. Ganz anders als in Teheran. Die Menschen sind genauso freundlich wie im ganzen Iran. Alle sind sehr hilfsbereit, keiner übervorteilt uns, selbst die Taxifahrer rechnen korrekt ab. Wir fühlen uns richtig wohl. Wir können ungestört durch die Basare schlendern, keine Schlepper, keine aufdringlichen Führer.
Mit einem Mann, der mir sehr gebildet schien, der in der Schweiz und England lebte und gut Deutsch spricht, entwickelt sich ein interessantes Gespräch:
„Wie gefällt es ihnen in Iran?“
„Sehr gut, aber wir scheinen die einzigen Touristen hier zu sein.“
„Ja, seit dem 11.September 2001 kommen nur noch ganz wenige zu uns, dabei haben wir niemandem etwas getan, wir waren immer freundlich und hilfsbereit, aber jetzt halten uns alle für Terroristen, ihr glaubt, jeder hätte eine Bombe am Gürtel.“
„Jemand, der das Land nicht kennt, sieht und hört nur die Äußerungen des Herrn Mahmud Ahmadinedschad im Fernsehen und der erweckt bei mir den Eindruck, als sympathisiert und unterstützt der Iran den Terrorismus, wie zum Beispiel die Hisbollah. Dann stellt er die Judenvernichtung durch Deutsche im 2. Weltkrieg in Frage, da braucht man sich nicht wundern, wenn keiner mehr kommt. Und dann ist auch noch sein Atomprojekt, angeblich nur für die zivile Nutzung, aber das glaubt doch keiner.“
„Ja, so was erzählt man bei euch im Fernsehen, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Man muss auch die Geschichte sehen:
Die Engländer hatten zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Alleinverfügungsrecht über das iranische Erdöl und dieser Vertrag wurde 1930 um 60 Jahre verlängert. Die Gewinne aus dem Geschäft gingen alle nach England. 1950 machte die Anglo-Iranian-Oil-Company ca. 60 Mio. Pfund Gewinn. Dem Land Iran blieben nur knapp 10 Mio. Wegen dieser Ungerechtigkeit wurde die Ölgesellschaft verstaatlicht und die Briten reagierten mit einer Wirtschaftsblockade. Die Gewinne gingen auf 0,1 Mio. zurück, also nur noch ein Hundertstel. Daher der Hass gegen die Engländer.
In dieser Zeit wurden erstmals die USA aktiv. Sie boten militärische Hilfe und schulten das iranische Militär. Aber in Wirklichkeit entwickelten sie einen Putschplan. Leiter des Projekts war übrigens der CIA-Agent Norman Schwarzkopf, der später die „Operation Dessert Storm“
im Irak leitete.
1953 war das Militär soweit unterwandert, dass es zum Putsch kam und der Freund der USA Schah Reza Pahlavi, auf den Thron gesetzt wurde. Die USA begannen sofort mit der Neuverteilung des iranischen Erdöls. Der Schah nickte alles ab, er war die Marionette der USA. Die Polizei und das Militär standen unter amerikanischer Kontrolle, es wurde ein Geheimdienst aufgebaut, über 50.000 CIA-Agenten waren vor der Revolution von 1979 in Iran und sie benahmen sich wie die Herrscher des Landes. Gleichzeitig häufte der Schah und seine Familie ein privates Vermögen von unvorstellbarem Ausmaß an. Ihnen gehörten fast 20 Banken und über 100 Firmen, doch die Arbeiter und Bauern bekamen von diesem Reichtum nichts ab. Jeder Kritiker wurde eingesperrt und die religiösen Führer, die Mullahs öffentlich beleidigt und durch Folter zur Flucht getrieben. Die Auslandsschulden, vor allem bei den USA, stiegen unaufhörlich. Der Staat Iran war vor der Revolution vollkommen abhängig von den USA.
Als dann nach der Revolution die USA keinen Einfluss mehr hatten, weil ihre Marionette der Schah nicht mehr existierte, unterstützten sie den Irak im Krieg gegen den Iran. Sie haben dem Irak Waffen geliefert, wodurch Tausende Iraner starben. Und jetzt umziegeln sie uns. Die USA ist in Afghanistan, in Irak, in Pakistan, in Saudi-Arabien und in der Türkei und es geht ihnen nur ums Öl und wir im Iran haben die größten Erdölreserven der Welt. Das die USA uns nicht noch einmal unser Öl raubt, geht nur mit Abschreckung. Und die USA kann man mit Maschinengewehren nicht beeindrucken, das geht nur mit der Atom-Bombe.
Und das wir Recht haben sieht man doch daran wie sich die USA verhält, sie hetzen alle Länder gegen uns auf. Sie wollen nicht, das wir unser Öl verteidigen können, warum haben sie nichts gegen Pakistan und Indien unternommen, als diese die Atombombe gebaut haben?“
„Wir haben Angst, dass die Bombe in die Hände von Irren gerät.“
„Ein Land, das soviel Wissen hat, dass es in der Lage ist, eine solche Bombe zu bauen, verfügt auch über eine so hohe Zivilisation, das es verantwortungsvoll mit der Bombe umgeht. Bisher hat nur ein Land die Bombe eingesetzt und das waren die USA.
Warum will die USA überall in der Welt bestimmen, wer was darf und wer nicht?“
„Und die Unterstützung der terroristischen Hisbollah?“
„Wer ist hier der Terrorist? Bush und die Juden sind die Terroristen. Wegen zwei Soldaten müssen einige hundert Libanesen sterben.
Bush ist doch der, der einen Glaubenskrieg gegen die Muslime führt, die USA rauben die Bodenschätze und machen andere Länder zu ihren Marionetten. Und jeder, der sich wehrt, ist ein Terrorist oder Schurkenstaat.“
„Aber noch mal zurück, als der Schah gestürzt war wollte die Bevölkerung einen islamischen Gottesstatt?“
„Nein, die Mullahs wollten nur wenige, die Opposition bestand aus mehreren Gruppen unter anderem auch die Geistlichen. Als der Schah weg war, entstand ein Machtvakuum, das die Mullahs für sich nutzten, denn sie besaßen mit ihren Moscheen die Infrastruktur um ihre Meinung unters Volk zu bringen das war ihr entscheidender Vorteil. Alle anderen politischen Gruppen hatten kein Kommunikationsinstrument. Obwohl vieles besser wurde, zum Beispiel sind fast alle Auslandschulden abgezahlt, sind viele Versprechen nicht eingelöst worden. Gäbe es eine Demokratie mit verschiedenen Parteien und Pressefreiheit, würden die Mullahs die Wahl nicht gewinnen. Die Mehrheit der Iraner ist längst nicht so religiös wie es die Mullahs gerne hätten.“

Die Strecke von der iranisch – pakistanischen Grenze bis nach Quetta, entlang des afghanischen Grenzgebietes, gilt als gefährlich. Daher übernachten wir nicht wie sonst draußen, sondern auf dem Gelände des Gästehaus des kleinen Städtchens Dalbandin. Den Weg zeigt uns ein junger Mann, der perfekt Englisch spricht. Er lädt uns zum Tee ein.
Nach dem Tee wollen wir in der Stadt Obst und Gemüse einkaufen.
„Deine Frau bleibt besser auf dem Gelände des Gästehauses, Frauen gehen hier nicht auf die Straße.“
„Das ist doch quatsch.“
„Ja, aber hier sind alle sehr ungebildet, sie kann mit kommen, aber besser sie bleibt hier. Hier ist Frauen jede Unterhaltung verboten. Frauen dürfen kein TV sehen und nicht Radio hören und ihr Haus nicht verlassen, nur als Tote.“
Sabine schreibt einen Einkaufszettel und wir machen uns auf den Weg. Das Zentrum ist vielleicht 200 Meter entfernt.
Tatsächlich, ich sehe keine einzige Frau, noch nicht mal in eine Burga verpackt.
Überall nur Männer mit langen Bärten und Kinder. Der Straßenverkehr ist völlig chaotisch, es scheint keine Regeln zu geben. Ich muss höllisch aufpassen, um nicht im selbigen zu enden.
Wir erreichen die Obst- und Gemüsestände. Es ekelt mich an. Die Trauben und Äpfel sind schwarz von Fliegen, genau wie die vergammelten Bananen. Der Händler wedelt mit der Hand und tausende von Fliegen erheben sich und geben den Blick frei auf angegammeltes Obst. Dazu ein Gestank von Fäkalien, der bei mir Brechreiz auslöst. Aber ich kann mich beherrschen. Unter den Marktständen fließt langsam das schwarze Abwasser in einer Rinne und verursacht den Gestank.
„Wir haben hier keine Kanalisation, viele Häuser haben keine Toilette. Nur die Häuser hier im Zentrum haben ein Klo.“
Das Abwasser und die Fäkalien fließen aus einem Rohr aus dem Haus direkt auf den Gehsteig und dann in einen offenen Graben an der Straße entlang.
Gelegentlich ist der Graben unterbrochen und die Gülle fließt direkt auf die Straße. Ich versuche diesem stinkendem Rinnsal so gut es geht auszuweichen, die Langbärtigen laufen in ihren Badeschlappen mittendurch. Ekelhaft.
Der Einkauf wird kürzer als gedacht, ich kaufe nur ein paar Kartoffeln und Eier.
An einem Baum haben Kinder eine kleine Katze mit einer Schlinge aus Schürsenkel um den Hals aufgehangen. Die Katze zappelt, kann sich aber nicht befreien. Die Kinder stehen zirka fünf Meter entfernt hinter einer Linie und werfen mit Steinen auf das Tier.
„Die spielen Steinigung.“
Nach ein paar Minuten zappelt die Katze nur noch bei Treffern.
Am nächsten Tag liegt die Kreatur tot auf dem Gehsteig und die Bärtigen laufen darüber hinweg.
Wir laden unseren Führer, den jungen Pakistani zum Abendessen ein. Kartoffeln und Gemüse aus der Dose.
Er ist sehr gebildet, kann fast alle Nobelpreisträger aufzählen und hat von vielen deren Werke gelesen. Er studiert in Quetta Soziologie und Politik.
„Warum ist das Gebiet für uns so gefährlich?“, will ich wissen.
„Weil hier alle ungebildet und fanatisch sind. Die meisten gehören zur Volksgruppe der Taliban und leben in deren Strukturen. Gefährlich ist es für Ausländer immer dann, wenn es zu Fehlverhalten kommt. So sind männlichen Ausländern schon zwangsweise auf offener Straße die langen Haare abgeschnitten worden, oder Frauen ohne Schleier mit Farbbeutel beschmissen worden. Gefährlich wird es auch, wenn nach dem Freitagsgebet der Mob aufgehetzt wird. So sind letztes Jahr die Hütten und Geschäfte der Hindus angezündet worden. Heute lebt die kleine Minderheit unter Polizeischutz am Rande der Stadt. Vor einigen Monaten sind Touristen erschossen worden wegen der Karikaturen in Dänemark, daraufhin wurden die europäischen Touristen von der Polizei vom Gästehaus ins Gefängnis gebracht und eingesperrt, auch Deutsche. Dem Mob hat man gesagt, man würde sie wegen der Karikaturen inhaftieren, in Wirklichkeit war es nur zu deren Schutz. Am nächsten Tag wurden sie zur Grenze eskortiert.“
„Aber in Pakistan ist die Religionsfreiheit im Gesetz verankert.“
„Ja, das Gesetz gilt vielleicht in Islamabad, aber nicht hier. Hier gilt was der Mullah sagt.
Ich zum Beispiel bin kein Moslem. Ich bin ein Ungläubiger, dass darf aber keiner wissen sonst bin ich am nächsten Tag tot. Gesteinigt wie die Katze.“
„Aber man wird denjenigen verurteilen!“
„Es wird keine Anzeige geben. Hier glaubt niemand, dass es Unrecht ist, einen ungläubigen umzubringen und wer Anzeige erstattet, ist der Nächste. Auch letztes Jahr, als viele Hindus mit Knüppel erschlagen oder erschossen wurden, gab es keine einzige Verurteilung.“
„Waffen gibt es hier zu kaufen?“
„Die Grenze zu Afghanistan ist nur wenige Kilometer. Dort und auch hier kannst du jede Waffe kaufen die es gibt, na ja Atombomben nicht, noch nicht. Wenn du willst kann ich dich zu einem Waffenmarkt führen. Die Taliban stammen hier aus diesem Gebiet, von daher gibt es viele verwandtschaftliche Beziehungen zwischen Pakistan und Afghanistan. Diese Beziehungen werden für den Schmuggel von Rauschgift und Waffen genutzt.“
„Die Regierung tut nichts dagegen?“
„Die Regierung hat andere Probleme. Die Amerikaner kennen die Beziehungen zwischen Pakistan und Afghanistan und wissen, das Bin Laden und sein Gefolge sich leicht nach Pakistan zurückziehen und verstecken kann.
Unser Präsident hatte die Wahl: Amerika als Feind oder sein Volk als Feind.
Wenn er jetzt auch noch den einträglichen Drogenschmuggel stören würde, kann er sich gleich selbst umbringen.“
„Und du bist ungläubig, wie kommt so etwas?“
„Ich bin aus der Art geschlagen, für mich sind Menschenrechte sehr wichtig und die Trennung von Religion und Staat, so wie bei euch in Deutschland. Ich glaube das es einen Gott gibt, aber mehr nicht. Vielleicht bin ich ein Jude, ich hätte gerne Kontakt zu einem Juden, aber hier wird wohl niemals ein Israeli her kommen.“
Spät in der Nacht verabschieden wir uns und verabreden uns für den nächsten Tag. So bleiben wir zwei Tage obwohl es in dem Ort nichts gibt, was einen Aufenthalt rechtfertigen würde.
Auf der Strecke nach Quetta werden wir eskortiert, mal von Polizeiwagen, dann von einem Ambulanzwagen, aber meist von unbewaffneten Polizisten in Badeschlappen auf einem Moped, das nicht schneller als 40 km/h fährt.
Als wir Quetta verlassen ist es der erste Tag nach Beendigung des Fastenmonats Ramadan. Alle feiern und so sind alle Checkpoints auf den Straßen verwaist und auch unsere Bodyguards sind nicht zu sehen. Wir fahren die angeblich verbotene Strecke nach Zhob. Die Strecke ist besser ausgebaut, verläuft aber dicht an der afghanischen Grenze.
In Islamabad fahren wir auf das Foreigner-Tourist-Camp nahe des Diplomatenviertels. Hier trifft sich alles was nach Indien will, um das Visum zu organisieren und wir treffen die ersten europäischen Touristen seit der Türkei. Die Tage vergehen wie im Flug.
Meinten wir vor einigen Tagen noch, der Iran sei preiswert, so müssen wir dies korrigieren.
Hier kann man für die Hälfte der iranischen Preise im Restaurant essen. Die Tagessuppe kostet sieben Euro-Cent und für 40 bis 80 Cent wird man satt.
Wir sind immer noch auf dem Camp in Islamabad.
Nachts um drei werde ich wach. Es raschelt im Auto. Sabine wird ebenfalls wach.
„Was ist das?“
„Keine Ahnung, aber jetzt ist es ruhig.“
„Da – jetzt wieder. Das kommt aus dem Mülleimer. Steh auf und guck mal.“
Also steh ich auf und öffne den Mülleimer.
Ich sehe nur noch ein faustgroßes etwas davon huschen. Ich öffne die Sitztruhe und leuchte mit der Taschenlampe. In der hintersten Ecke guckt ein langer Schwanz hervor. Eindeutig der einer Ratte.
Ich schließe die Truhe und gehe zurück ins Bett.
„Mach doch was“, sagt Sabine aufgeregt.
„Was soll ich machen? Soll ich die Ratte mit den Händen fangen? Morgen kaufe ich eine Falle. Schlaf jetzt wieder.“
Die Ratte macht Krach. Mal raschelt es im Lebensmittelschrank, mal unter dem Podest. Aber irgendwann schlafe ich doch wieder ein.
Am nächsten Morgen gehe ich in die Stadt. Beim Metallwarenhändler schildere ich mein Problem, was in der ganzen Gasse für Gelächter sorgt.
„Willst du eine Rattenfalle oder einen Rattenkiller?“
Er zeigt mir einen Drahtkäfig mit dem man Mäuse und Ratten lebend fangen kann und eine Metall-Schnapp-Falle, die aussieht wie eine kleine Bärenfalle.
„Ich nehme den Rattenkiller.“
Beim Auto angekommen lege ich den Köter auf den Auslöser und spanne den Bügel.
„Booh, geht der Bügel schwer. Wenn da die Ratte zwischen kommt spritzt es im ganzen Auto rum“, sage ich zu Sabine.
Unser Nachbar hat zum Glück einen Drahtkäfig dabei, auch er hatte schon öfters Mäuse im Auto.
Ich räume alle Kisten aus dem Auto und Sabine wäscht alles Geschirr und alle Kisten aus. Zum Glück ist unser Lebensmittelschrank rattensicher und so konnte dort kein Schaden angerichtet werden.
Ich stelle den Käfig mit Tomate unter das Podest und nach 10 Minuten ist die Ratte gefangen.
Alle Anwesenden bestaunen den Fang. Sabine putzt die Schränke aus. Die Ratte hat doch einigen Dreck hinterlassen und macht einen ganzen Tag lang Arbeit.
Ich mache mich auf in den Stadtpark, um die Ratte frei zu lassen. In den gegenüberliegenden Restaurants wird sie sicherlich ihr Auskommen haben.
In der folgenden Nacht träume ich, dass es raschelt und eine Ratte im Auto sei. Zum Glück wache ich auf und der Alptraum ist vorbei. Doch dann höre ich es unter dem Podest rascheln.
Kein Alptraum, sondern im richtigen Leben.
„Sabine, wach auf, die Ratte ist zurück.“
Sabine hört das Tapsen des Nagers und beginnt zu heulen.
Ich stehe auf und räume alles aus den Kisten auf den Tisch, um nicht wieder alles putzen zu müssen. Um drei Uhr in der Nacht wecke Walter, der mir seinen Käfig leihen muss.
Aber die Ratte geht nicht rein. Irgendwann schlafen wir trotz des aktiven Nagers ein. Erst nach dem Frühstück kommt Sabine freudig mit der gefangenen Ratte aus dem Auto. Ich bringe sie wieder in den Stadtpark. Die Ratte war aber etwas kleiner als die vom Vortag, also nicht das selbe Tier.
Man würde es nicht glauben, aber alle Anwesenden vom Camp können es bezeugen, in der folgenden Nacht hatten wir die dritte Ratte im Wagen. Inzwischen ist es Gewohnheit. Kisten ausräumen, alles rattensicher machen und Falle ausleihen.
Aber die Ratte ist clever. Sie stielt das Futter aus der Falle, ohne hinein zu gehen. Ich gehe wieder zu den Handwerkern und kaufe mir meine eigene Falle, einen Catcher, der etwas größer ist, so dass die Ratte hinein muss, um an die Traube zu gelangen.
Die Ratten kamen durch einen kleinen Tunnel im Faltenbalg des Durchgangs und dann durch eine Kabeldurchführung in den Schuhschrank und von dort in den Innenraum der Wohnkabine. Die Wohnkabine ist inzwischen rattendicht, jedoch ist der Faltenbalg noch unsicher. Daher bauen wir vorsorglich jeden Abend die Rattenfalle im Führerhaus auf und tatsächlich fangen wir fünf Tage später in Indien unsere vierte Ratte.
Im Hotel Holiday Inn soll es jeden Abend ein Candellight-Dinner mit tollem Büffet geben. Also nichts wie hin. Wir fahren zu sechst (mit Fahrer sieben) in einem Peugot 205 Taxi. Das Büffet ist reichhaltig, verschiedene Suppen, zwölf Hauptgerichte und jede Mengen Puddings und Kuchen stehen zur Auswahl. Der Preis ist mit 6 Euro pro Person für uns preiswert, jedoch für einen Pakistani deutlich mehr als der Tageslohn.
Wir probieren von allem und alles schmeckt richtig gut.
Nach dem Essen starten wir einen kleinen Rundgang durch den Hotelkomplex. Die Treppe in den Keller ist von Sicherheitsbeamten und Bodyguards abgeriegelt, aber wir werden ohne Probleme durchgelassen. Wir hören Musik, die von Stufe zu Stufe lauter wird. Im Keller ist ein großer Saal und auf der Bühne spielt eine Band. Wir stellen uns in die hintere Reihe. Sofort werden Stühle gebracht und wir müssen weiter nach vorne rücken. Fernsehkameras schwenken auf uns und eine der vier Kameras hat uns ständig im Fokus.
„Was ist das hier?“ frage ich meinen Nachbarn
„Das ist der bekannteste Sänger Pakistans, die Telekom von Pakistan hat alle wichtigen Leute eingeladen, viele Minister sind auch da.“
Nach ein paar Minuten kommt ein Mann im feinen Anzug zu uns: „Der Veranstaltungsmanager möchte euch sprechen. Kommt mit nach vorne.“
„Wir werden jetzt sicherlich höflich hinaus gebeten,“ flüstere ich zu Hubert.
Wir gehen an den Rand der Bühne und dann geht alles ganz schnell. Ich spüre eine Hand in meinem Rücken, die mich mit festem Druck auf die Bühne befördert. Den Anderen geht es genau so. Hätten wir das geahnt, hätten wir alle uns etwas feiner angezogen. Der Sänger baut uns in seine Show ein. Hubert rettet die Situation, er ist Hobbymusiker und kann sehr gut tanzen und bietet eine kleine Extrashow, das Publikum erhebt sich und applaudiert. Wir beschränken uns aufs Klatschen im Takt und kommen uns vor, wie der erste Neger, der auf Jahrmärkten zur Schau gestellt wurde.
Wir sind auf dem Weg zur chinesischen Grenze. Nicht nach China, sondern nur mal über den Zaun schauen und Sabine möchte unbedingt den Nanga Parbat sehen.
Der Highway ist in Wirklichkeit ein kleines knapp zweispuriges kurvenreiches Sträßchen, auf dem die Tachonadel selten über die 40iger Marke hinaus geht.
Zunächst geht es durch das Erdbebengebiet von 2005. Überall sieht man Zeltstädte des Roten Kreuzes und chinesischer Hilfsorganisationen. In Hallen lagern Hunderttausende von Getreidesäcken, hauptsächlich aus USA.In Batagram gehen wir durch die Straßen. Die Menschen sind überaus freundlich, oder besser die bärtigen Männer, Frauen sehen wir auch hier nicht. Ein Restaurantchef möchte, dass wir unbedingt in sein Lokal kommen. Normalerweise nerven mich die Schlepper, aber hier habe ich Mitleid und gönne ihm das kleine Geschäft das er mit mir machen kann. Wir bestellen das Tagesgericht und Tee. Beim Abschied nimmt er mein Geld nicht an. Wir seien seine Gäste. Das Gleiche passiert uns am Nachmittag bei der Teepause in einem anderen Restaurant. Ab jetzt kläre ich vor der Bestellung, dass wir auch zahlen.
Am nächsten Tag treffen wir einen Deutschen, der für das belgische Rote Kreuz arbeitet und wir unterhalten uns eine Weile auf der Straße.
Dann sagt er plötzlich: „So, ihr solltet jetzt die Stadt verlassen und ich muss zurück ins Lager.“
„Warum?“ frage ich.
„Heute ist Freitag, in knapp zwei Stunden gehen sie zur Predigt in die Moschee.“
„Aber die sind doch alle so freundlich.“
„Die Freundlichkeit kann trügerisch sein“, sagt er. „Bei allen ausländischen Hilfsorganisationen gibt es Freitagnachmittag ab 14 Uhr eine Ausgangssperre für die Mitarbeiter. Erst wenn die Predigt vorbei und analysiert ist, wird die Ausgangssperre aufgehoben oder verschärft.“
Zwei Tage später sehen wir den über 8000 Meter hohen Nanga Parbat, leider führt die Straße im Norden vorbei, so das er ständig im Süden zu sehen ist, das bedeutet ständig Gegenlicht und somit nur mittelmäßige Fotos. Einige Hundert Kilometer später sind wir im Hunza-Tal und haben einen tollen Blick auf die Gletscher des Rakaposchi.

Im Hunza-Tal fühlen wir uns wohl. Die Glaubensrichtung hier ist liberal und tolerant. Frauen sind auf der Straße und teilweise auch ohne Kopftuch. Mädchen besuchen die gleichen Schulen wie die Jungen und bis vor kurzem durfte der Muezzin keine Lautsprecher an der Moschee verwenden.
Auf der Landkarte ist eine kleine Straße zu sehen, die auf die Rückseite des Nanga Parbat führt. Das letzte Stück dürfte nicht schmaler für unseren Deutz sein.
Leider ist der Berg völlig in Wolken und ich verzichte aufs Fotografieren.
Vom Tourismus bekommen die Menschen hier scheinbar nichts ab. Sie leben in ihren Hütten ohne elektrischen Strom und holen ihr Wasser in Eimern aus dem Fluss.
Das Thermometer sinkt Nachts in Richtung Gefrierpunkt.
Am nächsten Morgen ist das Dorf wieder um unser Auto versammelt. Barfuss und in löchrigen T-Shirts warten sie frierend auf unser Erscheinen am Fenster.
Selten hatten wir soviel Mitleid und verschenken den größten Teil der Kleider, die uns Anja mitgegeben hat. Der einzig Englisch sprechende bekommt die Aufgabe alles so zu verteilen, das jede Familie ein Kleidungsstück bekommt. Er macht seine Aufgabe sehr gewissenhaft und gut.
Nach zwei Tagen sind wir von unserem Ausflug auf die Südseite des Nanga Parbat zurück und fahren wieder nach Islamabad auf die Campsite.
Auf dem Rückweg aus dem Karakorum-Gebirge finden wir keinen geeigneten Übernachtungsplatz und stehen auf einer kleinen Wiese dicht an der Straße.
Nachts werde ich durch ein leichtes Schaukeln wach. Jemand steigt auf die Trittstufe unserer Führerhauses. Sofort rast mein Puls und Adrenalin wird frei gesetzt. So sehr ich Spannung mag, aber nicht Nachts um drei.
Zwei Männer schleichen ums Auto und unterhalten sich flüsternd. Ich steige leise aus meinem Bett und bereite mich mit Pfefferspray und handlich kleiner Eisenstange auf die Party vor.
Sachte schiebe ich den Vorhang zwischen Aufbau und Führerhaus beiseite und sehe nach vorne ins dunkel. Vor unserer Kuh steht ein Polizeiwagen mit Standlicht. Die beiden Männer entpuppen sich als Polizisten, die uns wohl entdeckt haben und uns nun bewachen. Ich gehe zurück ins Bett, doch an Schlaf ist nicht zu denken. Die Beiden hören Radio, dazwischen geht lautstark das Funkgerät und Autotüren werden geschlagen weil einer ständig pissen muss.
Sabine ist inzwischen auch wach und wir beschließen Kaffee zu kochen und weiter zu fahren.
Um vier starten wir die kleine Nachtfahrt. Wir kommen gut voran, es ist kein Verkehr unterwegs. Es regnet.
Die Dörfer, in denen tagsüber das bunte Leben stattfindet, scheinen verlassen, nur streunende Hunde laufen durch schlammige Straßen. Alles sieht noch trostloser aus als am Tag.
Am Horizont zieht die Dämmerung auf und die Orte erwachen mit Leben.
Es wird heller, langsam können wir auch Dinge erkennen, die sich außerhalb unseres Scheinwerferlichts befinden.
In den Slums läuft Wasser durch die Papp- und Bretterbuden. Menschen hocken am Straßengraben und verrichten ihre Notdurft. Andere haben in Plastiktüten geschissen und werfen diese im Morgengrauen in den Straßengraben.
Kinder sammeln diese ein und waschen sie aus, um sie wieder an Markthändler zu verkaufen.
Der Regen nimmt zu und die stinkende Brühe aus dem Straßengraben mischt sich mit Altöl der Autowerkstätten und dem Blut frisch geschlachteter Wasserbüffel und Ziegen und fließt direkt über die Straßen und Plätze und verteilt sich im ganzen Ort.
Wir fahren vorbei an Hotels und Restaurants, wobei die Restaurants schäbige Bretterbuden sind und auf Feuer, das in einer Autofelge aus drei Baumstämmen entfacht wurde, Tee, Kaffee und Suppe gekocht oder Brot gebacken wird.
Wir fahren vorbei an der Bretterbude mit dem Namen „Hotel California“, vorbei am „Sweet Dream“ am „Relax“ und am „Connection“. Das „Sunrise“ ist keine Bretterbude, sondern eine rostige Wellblechhütte, bietet sich aber auch als Hotel mit „Fullservice“ an.
Die ersten Gäste kommen zum Frühstück in Badelatschen durch die Gülle gelaufen. Die frisch geschlachteten Tiere hängen am Straßenrand und werden mit der von mir aufgewirbelten Güllegischt eingenebelt, während ich den Spalt meines Seitenfensters schließe, damit auch ja kein Tropfelchen ins Fahrzeuginnere gelangen kann.
„Die bringen sich doch um“, meint Sabine, aber keine Angst, die Bevölkerung verdoppelt sich alle 23 Jahre.
Wir sitzen in einem Straßenrestaurant und ich bestelle indische Suppe Süß – Sauer.
So richtig traue ich dem Restaurant nicht, ich befürchte er verlängert die Suppe einfach mit Wasser, daher möchte ich, das die Suppe wenigstens nochmals aufkocht.
„I like my soup very very hot. Please can you make the soup very very hot for me?” frage ich den Koch.
“If you want it. I can do it for you.”
Wenige Minuten später bringt er eine Suppe, wo mir der Dampf in den Augen brennt, die auch sofort anfangen zu tränen, sobald der erste kleine schluck Suppe die Zunge berührt.
Ich ringe nach Luft und die Nase läuft.
„Booh - ist die scharf“, sage ich zu Sabine.
„Ich dachte du weist das „hot“ nicht nur heiß, sondern auch scharf bedeutet“, sagt Sabine. „Lass die Suppe stehen.“
„Sabine“, sage ich empört, „damit das ganze Dorf über das deutsche Weichei noch Monate lacht?“ Stattdessen zeige ich dem Koch den gehobenen Daumen und grinse in jedes Mal an, wenn er zu mir rüberblickt.
Nach zwei Tempo-Taschentücher ist die Schüssel leer.

Die Einreise ist problemlos. Wir bekommen das Visum schnell und unbürokratisch an der Grenze. 30 US $ pro Person für 60 Tage. Das Visum lässt sich problemlos auf 150 Tage verlängern, aber 60 Tage reichen uns erst mal. Wir reisen ganz im Westen (in Mahendranagar) nach Nepal ein und fahren etwas mehr als 500 Kilometer durch den Dschungel nach Butwal.
Die Strecke gehört zu den schönsten, die wir bisher gefahren sind und gehört für uns zu den Traumstraßen der Welt. Links und rechts der guten Teerstraße, auf der fast kein Verkehr herrscht, befindet sich tropischer Dschungel mit malerischen kleinen Siedlungen. Morgens werden wir von Urwaldgeräuschen geweckt. Papageien erwachen zuerst, dann das Gebrüll der Affen und anderer Tiere. Morgentau tropft von den Blättern und die ersten rot-gelben Sonnenstrahlen scheinen in unser Bett. Zeit zum Aufstehen.
Wir fahren zu einem Nationalpark. Hier kann man Elefanten, Tiger, Nashörner, Krokodile und andere Tiere beobachten. Der Eintritt kostet 5,- Euro und es herrscht Führerpflicht. Der Führer kostet nochmals 4 Euro für einen ganzen Tag. Aber das Angebot ist wohl eher was für Pauschaltouristen, die keine Zeit haben und noch nie im Dschungel waren. Wir verzichten, denn wir wollen ohne Führer und auf eigene Faust den Urwald erkunden. Um den Nationalpark herum gibt es eine Pufferzone, in der man sich frei bewegen kann und auch mit dem Auto fahren darf. Also fahren wir am Fluss entlang und finden eine Lichtung, direkt am Ufer mit einem herrlichen Ausblick. In der Nähe ist das Lager der Arbeitselefanten. Von hier starten sie jeden Morgen zum Park um dann Touris auf ihrem Rücken zu tragen.
Am Morgen des zweiten Tages starten wir zu unserer ganz privaten Dschungeltour. Wir lassen uns von einem Fischer auf die andere Seite des Flusses bringen und kriechen durch das Unterholz. Hier gibt es keine Wege oder Pfade, nur Gestrüpp zum Glück ohne Dornen. Wir drücken die Äste beiseite und hinter und verschließt sich sofort die Gasse. Affen kreischen und springen von Baum zu Baum. Wir entdecken Elefantenlosung und erschrecken als wir ganz nah bei uns das Brechen von dicken Ästen hören. Wir können keine zwei Meter weit gucken, sind hoch konzentriert und angespannt. Vielleicht ein Nashorn. Nashörner sind angeblich die gefährlichsten Tiere. Für sie ist alles Feind was sich bewegt. Wir versuchen uns ganz langsam und leise von der Geräuschquelle zu entfernen. Wollte ich beim Kaffeetrinken noch tolle Bilder von Nashörnern und Elefanten machen, hab ich jetzt Schiss, dichter dran zu sein als mir lieb ist. Sabine will nur noch zurück. Dummerweise merken wir jetzt, das wir etwas die Orientierung verloren haben. Alles sieht gleich aus nur grüne Wand aus Geäst, Zweigen und Spinnweben.
Aufgrund der Uhrzeit und des Sonnenstandes können wir wenigstens grob die Richtung bestimmen. Im Westen muss der Fluss sein, also kämpfen wir uns in diese Richtung weiter. Wir entdecken auf dem Boden einen Tatzenabdruck, der so groß ist wie mein Handteller. Hier leben noch einige Tiger, die jedoch nur ganz wenige Menschen zu Gesicht bekommen und dann von großem Glück sprechen. Wenn wir den Tiger hier zu Gesicht bekommen, ist dass das Letzte was wir sehen werden. Also pfeifen im dunklen Wald und weiterkämpfen. Und plötzlich, ich schiebe einige Äste beiseite, liegt der Fluss vor uns. Am Ufer entlang geht es zu unserem Auto zurück. Wir sind heilfroh, keine Nashörner, Tiger, Krokodile und tollwütige Affen gesehen zu haben. Erst mal Schnauze voll von Dschungeltour.

Am Nachmittag unterhalte ich mich mit einem Anwohner, der seinen kleinen Acker bestellt.
„Die Einrichtung des Nationalparks ist doch eine gute Sache, so werden Tiere geschützt, Touristen kommen und bringen Geld und alle haben ein besseres Leben“, denke ich laut.
„Nein, so ist es nicht. Der Park ist schlecht für uns. Die Touristen bringen Geld und Arbeit, aber nicht für uns. Das Geld machen die großen Hotelketten und andere in Katmandu. Wir sehen davon nichts. Aber wir dürfen keine Bäume mehr für Brennholz fällen, müssen teures Gas kaufen, wir dürfen keine Tiere mehr schießen, die in unsere Gärten kommen und alles abfressen. Manchmal sind 80 % der Ernte abgefressen. Vorher war es für die Bewohner besser. Die Regierung hat uns einen finanziellen Ausgleich versprochen, doch der ist auf dem korrupten Weg verschwunden. Hier hat niemand Geld bekommen.“
Auf dem Weg nach Butwal staut sich der Verkehr. Wir tun so als hätten wir Sonderrechte und fahren an der Schlange vorbei. Zig Busse vollbesetzt stehen und warten. Wir sehen dicke schwarze Rauchwolken und beim Näherkommen sehen wir brennende Autoreifen auf der Straße. Jugendliche haben eine Straßensperre errichtet. Keiner kommt durch.
Ich steige aus und suche den Anführer in der Menschenmenge.
„Hey, was geht ab, wo ist das Problem?“
„Gestern ist ein zwölfjähriges Mädchen überfahren worden und hier auf der Straße gestorben. Es war ein Auto der Regierung, es war viel zu schnell.“
„Ja und, deswegen wird der Verkehr aufgehalten?“
„Ja, die Regierung muss der Familie des Mädchens Geld geben, darüber wird jetzt verhandelt und solange blockieren wir die Straße, um Druck auf die Regierung zu machen.“
„Seit wann ist die Straße blockiert?“
„Seit 16 Stunden.“
„Das glaube ich nicht, die Menschen sitzen seit 16 Stunden in den Bussen und keiner beschwert sich oder protestiert?“
„Nein, jeder würde es so machen, wenn seine Tochter überfahren worden wäre. Es ist der einzige Weg, um von der Regierung Geld zu bekommen.“
„Wann geht es weiter?“
„Sobald das Geld hier ist, vielleicht in zwei Stunden, vielleicht erst morgen, du musst warten.“
„Okay, kein Problem wir haben Zeit. Um wie viel Geld geht es dabei?“
„Die Regierung soll die Verbrennung (Feuerbestattung) und ein Moped oder eine Stereoanlage bezahlen, darüber wird jetzt gesprochen und verhandelt. Der Vater will ein Moped haben und die Regierung nur ein Radio geben.“
„Okay, dann warten wir mal ab.“
Nach knapp zwei Stunden werden die brennenden Reifen beiseite gezerrt und wir können fahren. Natürlich nicht sofort, den auf beiden Seiten der Blockade haben sich die Busse und Lastwagen (private Pkw gibt es fast gar nicht) in drei Reihen nebeneinander angestellt und jetzt herrscht erst mal ein großes Verkehrschaos, das sich aber nach einer weiteren halben Stunde auflöst.
In Pokhara gibt es genau wie in Katmandu unzählige CD und DVD Läden. Hier gibt es die neusten Musik-CD’s aus Europa und Amerika zu kaufen und natürlich die neusten Kinofilme. Allerdings nicht als Original, sondern als Kopie für umgerechnet 1 Euro je CD. Ich frage mich, wie die kalkulieren. Für einen Euro gibt’s den CD Rohling + Hülle + 4 Farbdruck auf der CD + 4 Farbkopie des Inletts + Brennen + Transport + Händlermarge.
Vielleicht sollte ich meine nächsten DVDs hier herstellen lassen.
Ich vereinbare mit ihm eine Flat-Rate. Für drei Euro darf ich einen Tag lang jede CD die mir gefällt aus der eingeschweißten Hülle nehmen und mir auf den Schlepp-Top kopieren.
Dazu bekomme ich auch noch Tee serviert. Das ist Service. Hier könnte Mediamarkt was lernen.
Überall in Nepal findet man große Hinweisschilder verschiedenster Hilfsorganisationen, die sich ihrer guten Taten loben. Alle namhaften Organisationen sind hier vertreten.
In einem Hotel treffen wir beim Abendessen ein Paar, das für zwei Jahre in Nepal für eine Organisation arbeiten wird und nun eine dreiwöchige Schulung in Kultur und Sprache bekommt. Zuvor waren sie zur Ausbildung in Tansania, wo es ein Trainingscamp für 300 Volontäre gibt, die danach in verschiedene Länder geschickt werden.
In Pokhara gehen wir Abends immer in den Biker-Club Busy Bee, hier wird live fetzige Rockmusik gespielt und mir gefällt die Bee, welche die Getränke bringt.
An einem Abend liegt eine Flyer auf dem Tisch: Helfen Sie mit ihrem Wissen und Ihrer Erfahrung die Zivilisation Nepal voran zu bringen. Dazu schöne Bildchen ein ansprechender Text und Sabine und ich sind uns schnell einig: Warum nicht mal unterwegs arbeiten, für ein Hilfsprojekt natürlich kostenlos, ohne unsere Dienstleistung in Rechnung zu stellen. Neue Erfahrungen und Kontakte sammeln.
Also den Manager der Organisation angerufen und ein Gesprächstermin vereinbart.
150 Volontäre arbeiten für die Organisation aus allen Herren Ländern.
Welche Erfahrung wir haben und über welches Wissen wir verfügen will er wissen.
Da sind wir auch schon beim ersten Problem: Wir können und wissen eigentlich nichts.
Wie wir der Organisation helfen könnten?
Nun, wir könnten die Zielerreichung in den verschieden Projekten dokumentieren und analysieren, dazu ein Hilfsinstrument entwickeln, das die Kontrolle über die Zielerreichung vereinfacht und so die Effektivität der geleisteten Hilfe transparent macht und die Planungssicherheit der nächsten Projekte erhöht. Wir könnten die Verwaltung analysieren und gegebenenfalls rationalisieren.
„Wie sieht den die Zielsetzung der Organisation genau aus?“, wollen wir nun wissen.
Da sind wir auch schon beim zweiten Problem: Die Organisation hat gar keine klaren Ziele definiert. Nur schwammiges gibt der Manager von sich. Schwafelt immer von Hilfe und schrecklich armen Menschen. Aber in der Verwaltung versichert er uns, läuft alles hoch effizient, da gibt es keinerlei Handlungsbedarf. Aber wir könnten in der Erwachsenenbildung eingesetzt werden und über AIDS aufklären, oder in der Schule über Basishygiene informieren, oder die Bevölkerung über die Ursachen und Wirkung der Umweltverschmutzung und Umweltzerstörung informieren. Es gibt viele Projekte, in denen wir nützlich sein könnten.
„Okay, wir machen das. Zum Schluss nur noch ein paar Fragen: Für wie lange müssen wir uns verpflichten, können wir mit unserem Deutz an einer Schule oder beim Krankenhaus parken und dort Wasser und Toilette nutzen, gibt es eine Aufwandsentschädigung für Transport, Unterrichtsmaterial etc.?“ (das haben wir in Mali gelernt: Nie Hilfe kostenlos anbieten. Erst wenn der gegenüber bereit ist für Hilfe zu zahlen (kleinste Beträge) ist er wirklich an der Hilfe interessiert bzw. braucht sie dringend. Dann kann man immer noch zum Schluss auf das Honorar verzichten.)
„Ihr könnt zwei Wochen oder vier Wochen bei uns arbeiten. Zunächst bekommt ihr eine kleine Einweisung in die Sprache, Sitten und Religion. Untergebracht werdet ihr in den Orten direkt bei den Familien und ihr könnt bei den Familien mit essen.“
„Okay, und wie werden Auslagen abgerechnet?“
„Ihr zahlt einen kleinen Beitrag, davon werden die Auslagen bezahlt, euer Essen in den Familien und eure Unterkunft in den Familien.“
„Sorry, Sir, mein Englisch ist very bad, ich habe verstanden ich muss was zahlen, habe ich da richtig gehört?“
„Ja, nur einen kleinen Betrag, für die armen Familien bei denen ihr esst und wohnt.“
„Wie hoch ist der Beitrag?“
„250 Euro pro Person wenn ihr zwei Wochen helfen wollt und 400 Euro wenn ihr vier Wochen helft. Das sind dann 500 oder 800 Euro, wirklich nicht viel für Europäer.“
Unsere Entscheidung steht fest, wir behalten unser Wissen, unsere Erfahrung und unser Geld, und seine Visitenkarte, good bye.
In Pokhara zeige ich einigen Leuten die Visitenkarte, keiner kennt ihn. In Sarankot, einem kleinen Ort in den Bergen treffe ich endlich jemand der ihn kennt.
„Ja, den kenne ich, das ist hier der Schulleiter.“
„Ist der Reich?“, will ich wissen.
„Ja, sehr reich.“
„Woher?“
„Keine Ahnung.“
Ich schenke ihm den Flyer aus und die Visitenkarte.
Nichts wie raus aus Katmandu. Vorbei an brennenden Autoreifen und protestierenden Jugendlichen. Wieder einmal ist ein Streik ausgerufen, der dritte in einer Woche.
Die zweispurige Fahrbahn verengt sich auf eine Spur. Das heißt aber nicht das man sich jetzt schön im Reißverschlussverfahren arrangiert, sondern jeder kämpft für sich. Jeder Zentimeter zählt. Wir, aber nicht nur wir, fahren einfach auf dem staubigen Seitenstreifen weiter, so lange es geht. Aber nach ein paar hundert Meter ist definitiv nur noch eine Spur verfügbar.
Ich will von dem Seitenstreifen wieder auf die Teerfahrbahn, rechts neben mir (Linksverkehr) der Pkw will mich einfach nicht reinlassen. Ich fahre mit einem Rad im Graben und mit dem Anderen in etwa in der Mitte der Teerfahrbahn. Er fährt etwa in der Mitte der Fahrbahn und mit dem anderen Rad auf der Gegenfahrbahn. Der Gegenverkehr weicht in den Graben aus. Kein Grund zur Sorge, das ist völlig normal hier. Wir fahren wegen des Rückstaus Schritttempo und es ist abzusehen, das der Pkw in den nächsten einhundert Metern nachgeben muss, sonst endet es in einem Crash. Er ist starrsinnig, ich bin es auch. Er hält den Kollisionskurs bei, gibt einfach nicht nach, ich auch nicht, warum auch? Mein Reifen ist schließlich so groß ist wie sein ganzes Auto.
Selbst im letzten Moment ist er nicht bereit nachzugeben, fährt sich lieber das Auto zu Schrott. Na gut kann er haben.
Raaatsch – wir stehen Seite an Seite. In dem Auto waren drei Männer, die nun wild gestikulierend vor unserem Deutz stehen. Hinter uns wird gehupt, die Straße ist jetzt völlig dicht. Im Nu ist eine riesige Menschenmenge um uns versammelt. Zwei Verkehrspolizisten kommen von der nahegelegenen Kreuzung gelaufen. Alle diskutieren lautstark. Ich wundere mich, denn wir haben bisher viele Unfälle gesehen, die immer ganz einfach geregelt werden: Man tausch zwei – drei Minuten lang Höflichkeitsfloskeln oder ähnliches aus (keine Adressen) und trennt sich dann mit Vollgas. Seit dem Iran ist das gängige Praxis. Und das selbst bei deutlichen Blechschäden.
Ich warte drei Minuten ab und frage, ob ich fahren kann. Der Polizist befehlt die Straße frei zu machen und ein paar Meter weiter in eine Ausbuchtung zu halten. Mein Gegner behauptet tatsächlich, ich hätte ihn auf dem Seitenstreifen überholt, während er auf der richtigen Fahrspur fuhr und dann hätte ich ihn gerammt. Nun will er Geld für seinen zerkratzten Lack. Dabei habe ihn so sachte berührt wie ich nur konnte, es war mehr ein streicheln, fast liebevoll, das noch nicht mal eine Beule zu sehen ist. Meine Version lautet anders: Ich bin äußerst links gefahren und er hat mich überholt, dabei kam er immer weiter rüber zu mir, bis ich keine Möglichkeit mehr hatte noch weiter nach links zu fahren. Mein Reifen ist jetzt von seinem Auto schmutzig und für die Wäsche will ich umgerechnet 10 Euro von ihm, oder ich lasse meinen Deutz in Deutschland waschen und schicke ihm die Rechnung und die Wagenwäsche wird teurer als seine ganze Lackierung. Das mit den zehn Euro war als Spaß gemeint, bringt ihn aber sofort wieder auf die Palme.
Ein Student entschuldigt sich bei mir für die Probleme die ich habe. (Dabei habe ich zu meinen Problemen ja einen erheblichen Anteil beigetragen.) Seine Landsleute hätten keine Zivilisation und wollten jetzt Geld rausschlagen. (Genau wie ich.) Für mich ist die Sache klar: Jeder trägt die Schuld zur Hälfte, das bedeutet jeder trägt seinen Schaden. Er lässt seinen Wagen neu lackieren und ich meinen Reifen abwaschen.
Der Student fragt in die Menge, wer den Hergang gesehen hat, es melden sich einige. Wer war beim Crash vorne. Ganz klar ich war eine Stoßstangenlänge weiter vorne, das bezeugen alle. Damit ist die Schuldfrage geklärt: Ich bin völlig unschuldig. Hätte ich selbst nicht gedacht. Ich bedanke mich bei dem Studenten und den Zeugen und denke jetzt sei alles klar.
Doch der nette Student rät mir: „Sei vorsichtig, wenn er den Polizisten Geld gibt bist du schuld.“
Ich stehe etwas abseits, der Student drängt sich durch die Menschenmenge zu den Polizisten, die immer noch mit dem Schuldigen diskutieren. Er sagt ihnen, dass es mindestens 20 Zeugen gibt, die gesehen haben das ich vorne war und er von hinten kam. Kurze Zeit später kommen die Polizisten zu mir und erklären, dass es in Nepal nicht üblich ist, das der Unfallgegner die Reifenwäsche zahlt. Okay, ich verzichte auf die zehn Euro und wir können fahren.
Wir haben uns oft in Nepal gewundert, das selbst bei kleinsten Unfällen sofort eine Menschenmenge sich versammelt und teilweise sogar wegen einem umgefallenen Moped die Straße völlig blockiert ist.
Am Abend lernen wir einen gebildeten Nepali kennen, ihm erzähle ich die Geschichte und frage: „Wie kann es sein, das wenn 20 Zeugen den Unfallhergang eindeutig schildern, die Polizisten Geld nehmen und die Tatsachen verdrehen können.“
„Die Polizisten nehmen Geld und sagen dann, dass man mit zur Wache kommen muss, dort würde die Sache protokolliert. Auf der Wache gibt es dann keine Zeugen mehr, oder nur noch Bestochene und die Geschichte sieht dann ganz anders aus. Das ist normal in Nepal. Deswegen ist die Menschenmenge auch so wichtig, die Sache muss sofort geklärt werden, niemals auf der Wache. So wie bei euch in Deutschland, das man die Menschenmenge auffordert weiter zu gehen wäre hier undenkbar. Hier braucht man die Öffentlichkeit wegen der Korruption in den Amtsstuben.“
Wir sitzen beim Frühstück in der wärmenden Sonne auf einem Gipfel mit Blick auf die gegenüberliegende Himalaya Gebirgsfront mit ihren schneebedeckten 8.000 er. Der Mont Everest ist mit dem Fernglas zu erkennen. Hier oben ganz allein, dafür mit traumhaften Fernblick haben wir Weihnachten verbracht.
Auf der Straße einige Meter unter uns sehen wir einen weißen Geländewagen entlang fahren. Plötzlich stoppt er, fährt ein paar Meter zurück und kommt im Geländegang den Abhang zu ins hinauf auf den Gipfel. Eine große Antenne auf der vorderen Stoßstange und ein blauer Schriftzug UN auf den Türen zieren den Wagen. Die beiden Männer interessieren sich für unseren Deutz, wollen nicht glauben das man damit auf den Gipfel kommt.
Im Gespräch erfahren wir, dass die beiden UN-Mitarbeiter Afghanen sind und bei den Maoisten hier im Land die Abgabe der Waffen kontrollieren.
Wir lernen zufällig in Katmandu ein Pärchen aus Österreich kennen. Sie ist Stewardess und kennt Katmandu von ihrem Beruf her sehr gut. Er arbeitete als Modefotograf in Mailand. Wir werden von ihnen zum Abendessen und Frühstück ins wahrscheinlich beste Hotel in Katmandu eingeladen. Wir glauben in einem lebenden Museum zu sein. Das Ambiente, einfach klasse. Wir sitzen auf der Terrasse, der Boy macht ein Lagerfeuer zum Wärmen und im Hintergrund tönt leise Flötenmusik aus dem Lautsprecher. Dachte ich, beim genauer hinsehen, sitzt in der Ecke ein Musiker und spielt live.
Am nächsten Morgen bitte ich ihn, ein Foto von Sabine und mir gemeinsam zu machen.
Wir bekommen genaue Anweisungen: „Burkhard, den Kopf 3° nach unten neigen und 5° nach rechts, mit den Augen hier zur Kamera, nein - nicht mit dem Kopf. Sabine bekommt ebenfalls genaue Anweisungen. Er gibt sich alle Mühe aber wir gucken genauso deppert drein wie auf jedem Foto - sorry, aber mein Pullover war noch nie so gut auf einem Bild zu sehen.

Das Wetter ist super, kein Nebel wie sonst. Ich will noch mal zum Hauptgate, wo ich gestern einige Sadus gesehen habe. (Menschen, die in Sack und Asche gehen und ihren Lebensunterhalt durch Betteln bestreiten und auf die Erleuchtung warten. Die Erleuchtung wird durch das Rauchen von Marihuana begünstigt.)

Ich will ein Foto machen, während er tief an seinem Marihuana-Joint zieht. Der Platz wimmelt von Geschäftemacher, Schlepper, Bootsführer, Bettler, Kleinkriminelle, Leprakranken und natürlich Sadus, echte und unechte. In der Stadt richt es nach einer Mischung aus Abgasen, verbrannten Leichen und verbranntem Müll, dazu der Duft von Räucherstäbchen, Haschisch, Blumenblüten und Fäkalien.
Friseure bieten auf dem Platz ihre Dienstleistung. Männer sitzen auf den Stufen und lassen sich rasieren. Touristen in Saris lassen sich die Haare vom Kopf scheren oder sitzen meditierend auf den Stufen. 
Einige Meter weiter werden im Akkord die Toten verbrannt. In den Gassen stapelt sich das Brennholz und ständig muss man sich an eine Hauswand quetschen, weil ein Toter auf einer Barre aus Bambusstangen durch die Gassen getragen wird. Vor den Scheiterhafen reihen sich die Bahren und die Toten warten auf die Verbrennung, zuvor wurden sie nochmals in den Ganges getaucht.
Für die Hindus ist der Ganges heiliges Wasser, das in Gläsern mit nach Hause genommen wird und in dem gebadet und gewaschen wird. Für uns ist es eine stinkende Kloake.
Tote, die nicht verbrannt werden dürfen, jene die nicht eines natürlichen Todes gestorben sind z.B. Unfallopfer, werden mit dem Boot zur Flussmitte gebracht und mit einem Stein versenkt.
Natürlich werden nach der Verbrennung auch die Überreste insbesondere Becken und Brustkorb in den Ganges geworfen. Zwischen den Leichen laufen Touristen und Händler, Kinder versuchen Postkarten zu verkaufen mit verkohlten Leichenteilen als Motiv. In den Läden gibt es Kuchenstücke und von Ferrero die goldene Kugel „Rocher“.
Varanasi muss man gesehen haben, aber einmal reicht auch vollkommen.
Ich bin froh, keine Religion zu haben und nicht für mein Seelenheil im Ganges baden zu müssen.

Ein Mann, von der Erscheinung vielleicht 15 oder 20 Jahre älter als ich, kommt auf mich zu und begrüßt mich. Kein Leprakranker, kein Tourist und kein Sadu, also einer aus der verbleibenden Gruppe der Gauner und Schlepper. Er besteht darauf mir die Hand zu geben, obwohl der übliche Gruß ohne Händedruck auskommt. Ich will nicht, befürchte irgendeinen Trick. Und so ist es dann auch. Er lässt meine Hand nicht mehr los und beginnt mit einer Hand- und Arm-Massage. In diesem Moment glaubt er noch, das er im Anschluss Geld bekommt. Ich kann meine Hand nicht wegziehen, denn er hält sie im Handgelenk fest. Okay, ich gebe auf und lasse ihn machen. Nach drei Minuten ist der Zauber vorbei und die Bettelei nach Bakschisch beginnt. Er sei arm, habe wenig zu essen und eine große Familie zu ernähren. Wir kennen das.
Ich habe Lust, den Spieß umzudrehen und erinnere mich an die zahlreichen Werbeschilder in der Stadt von Wahrsagern, Horoskoplegern, Astrologen und Hellsehern.
Das kann ich auch. Ich nehme seine rechte Hand und packe sie im Handgelenk, jetzt gibt es auch für ihn kein zurück. Er muss sich auf die Stufen setzen und ich lese aus seiner Hand. Er wehrt sich, bettelt nach Geld. Keine Gnade.
„Ich sehe in deiner Hand, du bist nicht arm, aber auch nicht reich, du bist dazwischen. Ich sehe, das du manchmal Fremden die Unwahrheit sagst, aber im Grunde ehrlich bist.
Du hast vier Kinder, drei Jungen und ein Mädchen,“ rate ich, um das Ganze auf die Spaßseite zu bringen, aber ich habe genau richtig geraten. „Scheiße, der glaubt jetzt wirklich ich könne aus seiner Hand lesen,“ sage ich zu Sabine. Und so ist es auch. Inzwischen hat sich eine Menschenmenge um uns versammelt. Jetzt gibt’s kein zurück.
„Eines deiner Kinder ist sehr clever, sehr intelligent es wird ein gutes Leben haben, aber auch den anderen wird es gut ergehen.“ In Kathmandu habe ich einen Handleser auf der Straße beobachtet, der einem Mann die Zukunft vorhersagte. Plötzlich fing der Mann an zu weinen, seine Zukunft sah wohl nicht so rosig aus. Damals hätte ich am liebsten den Quatsch beendet. Und jetzt halte ich die Hand eines solchen Leichtgläubigen. Aber ich werde nur Gutes vorhersagen.
„Du warst nicht immer fair und nicht immer gerecht zu deiner Frau und zu deinen Kindern, aber sie lieben dich über alles. Das Schicksal hat dir eine sehr gute Frau und sehr gute Kinder gegeben, daran siehst du selbst, dass es das Schicksal gut mit dir meint. Mach dir für deine Zukunft keine Sorgen.“
Ich lasse seine Hand los und er bleibt andächtig sitzen. Kein Wort mehr von Bakschisch und sonstigen Forderungen. Geschafft, das war richtige Arbeit. Doch jetzt fängt der Stress erst richtig an. Der Menschenmenge geht mit uns mit. Einige wollen von mir ebenfalls aus der Hand gelesen haben, aber ich will nicht. Ich habe die ersten Anhänger, als Guru könnte ich jetzt in Varanasi überleben. Einige sind hartnäckig, wollen unbedingt ihre Zukunft von mir vorhergesagt bekommen. Na gut, einen noch.
Ein junger Mann hält mir seine rechte Hand hin. „Setz dich auf die Stufen, ich will mal sehen. Du hast eine Freundin?“ Erschrocken zieht er die Hand zurück. Ich bekomme ebenfalls einen Schreck, habe ich da vielleicht eine Frage gestellt, die in diesem Kulturkreis tabu ist?
„Nein, ich hatte eine Freundin, aber seit ich verheiratet bin habe ich mit ihr Schluss gemacht.“
Er hat meine Frage nicht als Frage verstanden, sondern als Aussage.
„Dann ist es noch nicht solange her, denn in deiner Hand sieht es für mich so aus als hättest du sie noch, oder du denkst oft an sie.“
„Ja, ich habe sie noch, dass darf aber keiner wissen.“
Wieder steht eine Menschentraube um uns herum und jetzt ist auch der letzte Zweifler von meinen Fähigkeiten überzeugt. Natürlich sehe ich auch sein Schicksal positiv.
Durch enge Altstadtgassen entschwinden wir der Menschentraube. Ich denke an Westafrika zurück, damals habe ich mir schon vorgenommen, mit meinen Scherzen mehr aufzupassen, besonders in Ländern, wo selbst gebildete Menschen so leichtgläubig sind wie bei uns Vierjährige.

Die Straße ist nicht nur Verkehrsfläche, sondern auch Lebensraum. Händler bauen hier ihre Stände auf, Frauen waschen Wäsche, Kühe liegen auf dem warmen Asphalt, Bauern dreschen Reis oder trocknen Früchte, Kinder spielen und der Verkehr fließt nebenbei.
Manchmal sind die Straßen gut, mit wenig Verkehr, manchmal ist es so voll, besonders in den Städten, dass man meint, man führe durch einen Brei von Menschen, Tieren und Karren. Verkehrsregeln gibt es auf den ersten Blick keine. Jeder fährt so gut er kann und hupt dabei unaufhörlich, damit auch jeder weiß, dass da noch jemand unterwegs ist, der von Verkehrsregeln keine Ahnung hat. Wir machen es genauso. Rückspiegel und Blinker braucht man nicht. Zu Beginn sah es so aus, als würde folgende einfache Regel gelten:
Rechts abbiegen: Hupen und Gas geben.
Linksabbiegen: Hupen und Gas geben.
Überholen: Hupen und Gas geben.
Rote Ampel: Hupen und Gas geben.
Kuh auf der Straße: Hupen und Anhalten.
Frontal auf Moped zu: Hupen und Gas geben.
Nach etwas mehr aus 3000 Kilometer haben wir festgestellt, die Regel ist etwas komplizierter. In 75% der Fälle gilt folgendes:
Hupenlautstärke plus Fahrzeuggröße in Klammern zum Quadrat mal Nervenstärke Quadrat dividiert durch Kastenzugehörigkeit gleich Vorfahrtskoeffizient.
Wer in der Schule nicht aufgepasst hat oder den Koeffizient nicht so schnell berechnen kann, oder im Zweifel ist, verhält sich wie folgt: Hupen und Gas geben.
Viel zu berichten gibt es von hier nicht. Wir stehen unter Palmen, direkt am Sandstrand des Indischen Ozean.

Wir stehen hier zusammen mit Freunden, die wir in Pakistan getroffen haben. Walter und Lore sind hier, Hubert und Ana-Laura und einige andere. Insgesamt stehen elf Autos hier und jeder hat vor, einige Monate zu bleiben und so entwickelt sich eine eigene kleine Gemeinde.
Für Silvester wurde eine Ziege gekauft, doch niemand wollte das Messer ansetzen und so gehört die Ziege jetzt zur Gemeinschaft und bekommt die Gemüseabfälle. Aber nächsten Samstag ist sie dran, Frank will sie schlachten und alle sammeln schon mal Feuerholz. Aus dem Dorf kommen morgens die Händler gelaufen und versorgen uns mit Brötchen, Obst, Gemüse und allem was wir brauchen. Selbst einmal in der Woche kommt das Bierauto zu uns an den Strand und es ist ein ulkiger Anblick, wie die Touristen mit ihren leeren Bierkisten in einer Reihe stehen und warten. Zudem gibt es auf dem Bierlaster preiswerten und dazu noch guten Whisky und Rum, 0,7 Liter für 1,50 Euro und so mag keiner mehr zurück in die islamischen Länder und auf die leckeren Long-Drinks verzichten.
Aber nicht das ihr glaubt das Strandleben bestehe nur aus faulenzen und saufen. Immer ist irgendwas zu tun. Kaffeekochen, Kaffeetrinken, schwimmen gehen, Liegestuhl in die Sonne rücken, Bier kalt stellen, Bier trinken, zur Palme gehen und pi..., wieder Bier trinken, Feuer machen, Fisch grillen. Eigentlich ist das hier ein Fulltime-Job, aber wir wollen nicht klagen.
Wirklich beklagenswert ist, dass es hier kein Wasser gibt und da sind wir auch schon bei den 2 % der Zeit, die man nicht in der Hängematte verbringt. Wasser muss aus einem fünf Meter tiefen Brunnen nach oben gezogen und dann ca. 200 Meter weit transportiert werden.
Dummerweise kann man mit dem Auto nicht an den Brunnen ran fahren. Beim ersten mal dachte ich: „Scheiß Arbeit, aber das machst du ja zum Glück nur einmal in deinem Leben“, bis Hubert sagte, „das machst du jetzt alle vier Tage.“ Jetzt könnt ihr auch verstehen warum wir hier am Beach mehr Whisky-Cola als Wasser trinken.
Das Strandleben hat nach fünf Wochen ein Ende.
Unsere Ziege ist geschlachtet, gegrillt und gegessen und in dem kleinen Ort Agonda gibt es jetzt auch einige Hühnchen weniger, die alle in die süß-scharfe Suppe wanderten oder in Form von Chicken Chowmein oder Chopsuey auf den Tisch kamen.
Wir sind auf dem Weg nach Norden in die Provinz Rajasthan. An den Verkehr müssen wir uns wieder gewöhnen. Auf der Autobahn bleibt ein Motorradfahrer in einer Kurve mitten auf der Überholspur stehen und telefoniert mit seinem Handy. Auf dem Randstreifen werden Tomaten und Blumenkohl verkauft und die Kunden parken auf der Fahrspur. Also geht´s mit Vollgas und hupend im Slalom über den Highway. Wobei die Hupe so inflationär verwendet wird, das kein echter Inder mehr reagiert und National-Highway ist auch nicht das, was wir uns unter Highway vorstellen, sondern teilweise ein Schlaglochsträßchen das die Tachonadel selten über 40 steigen lässt. Dafür wird dann aber Maut fällig, bzw. wurde, denn wir sind seit ein paar Tagen mit einem Diplomaten-Fahrzeug unterwegs und die sind von der Maut befreit.
Das wir ein Diplomatenfahrzeug haben, habe ich zufällig bemerkt als ich unser Nummernschild ansah. Ganz Links sind zwölf gelbe Sterne in einem Kreis auf blauem Grund angeordnet, das Zeichen der EU. In diesem Kreis steht ein „D“ und das bedeutet ganz klar „Diplomat“, sonst stände ja ein „G“ für Germany.
An den Mautstellen zeige ich dann noch das Carnet de Passage (int. Zolldokument) mit dem indischen Zollstempel und die Rückseite, auf der alle Länder vermerkt sind, in denen wir Diplomatenstatus haben.
In der Regel öffnet sich jetzt die Schranke. Die Kassierer, die an der Echtheit zweifeln, frage ich nach ihrem Namen und ihrer Personalnummer und drohe den Minister anzurufen, wenn er nicht sofort die Schranke öffnet. Dieser wird den Provinz-Gouverneur anrufen und dieser deinem Chef ordentlich Ärger machen, was dann dein Chef mit dir macht weis ich nicht. Also, öffne die Schranke und du hast sofort wieder deine Ruhe oder du musst erklären warum du ein Diplomaten-Fahrzeug festhältst. Und schon ist die Schranke oben.
Und jetzt kommt was, was ihr uns nicht glaubt, aber gerade passiert ist.
Es ist Sonntagabend, die Sonne steht als feuerroter Ball am westlichen Horizont. Wir haben einen tollen Übernachtungsplatz in einem Ausgrabungsgelände in einem ehemaligen Fort gefunden. Jede Menge Fotomotive.
Ein Moped mit Mann und Frau fahren über die nahe vorbeiführende Teerstraße. Nichts ungewöhnliches und auch nicht, das sie anhalten und sich nach dem woher und wohin erkundigen.
Er möchte gerne mal in unser Auto sehen. Okay, ausnahmsweise.
Er sieht meinen Laptop auf dem Tisch stehen und fragt ob wir Videos gucken, insbesondere Sexvideos. Seine Frau dreht sich um und kichert. Was soll ich sagen? Die Wahrheit oder das was man auf solche Fragen antwortet? Also, Deutschland ist liberal und es ist möglich, solche Videos zu sehen und daher haben wir jetzt hier keine dabei, wir genießen hier die Natur, lüge ich dann doch.
Er könne mir Videos geben, auch mit seiner Frau und fremden Männern.
Ich bin sprachlos, vielleicht habe ich das alles falsch verstanden, ich hätte im Englischunterricht besser aufpassen sollen.
Aber ich muss auch gar nicht antworten, er setzt noch eines drauf.
Wir könnten auch zu viert Sex haben, jetzt sofort, er und seine Frau sind ready for sex, right now.
Ach du Scheiße, normal müsste ich ihn rauswerfen, aber er glaubt wirklich, in Deutschland ginge das so. Also bin ich höflich und erkläre das es so nicht geht, man schaltet Kontaktanzeigen im Internet und lernt sich kennen und dann ist es vielleicht möglich, wobei dies Ausnahmen sind und nicht jeder Deutsche und schon gar nicht jede Deutsche gruppensexbegeistert ist.
Okay, wenn wir Zeit brauchen, könnten sie in einer halben Stunde noch mal vorbei kommen.
Nein, wir wollen keinen Sex. Okay, dann nur ausziehen und streicheln. Nein, auch das nicht, sagt Sabine. Okay, dann nur wir zwei Männer mit seiner Frau. Nein.
Endlich, verlassen sie unser Auto und zum Abschluss noch mal die Frage: „We are ready for sex, you want?“ „No, we are not ready,” und aus Höflichkeit setzte ich die Floskel “I am so sorry“ hinten dran und dafür gibt’s einen Stoß von Sabine in die Seite.
Nach zehn Minuten ist der Spuk vorbei und wir öffnen erst mal die Whiskyflasche, die ich schon für Monsen gekauft habe.
Sorry Monsen, aber ich besorge eine Neue.
Wir sind in Jodpur, eine Stadt die bekannt ist für ihre vielen blauen Häuser. Blau ist die Farbe der Brahmanen, jene, die im Kastensystem ganz oben stehen. Die Königskaste sozusagen. Die Häuser leuchten wirklich in schönen Blautönen und die Stadt bietet, von der Festung betrachtet, schöne Fotomotive.

Steigt man von der Festung jedoch hinab in die engen Gassen, wird einem ganz anders. Müll und Unrat häuft sich in den Gassen. Es stinkt. Fliegenschwärme sitzen auf den Bettlern und kleinen Kindern. Kanalisation gibt es keine. Fäkalien fließen offen in kleinen Gräben an den Häusern lang. In der Stadt verrichten Menschen über diesen Rinnsalen ihre Notdurft.
Unser erster Eindruck ist: dreckig, stinkend, verwahrlost, eklig, obwohl wir inzwischen wirklich einiges gewohnt sind.
Wie kann das sein, dass gerade die Stadt, in der viele der höchsten Kaste leben, so negativ auffällt.
Die Antwort erhalten wir von Deutschen, die hier seit drei Jahren leben und ein kleines Restaurant aufbauen.
„Das Kastensystem ist streng geordnet. Es schreibt sogar vor, welche Arbeiten ausgeführt werden dürfen und welche nicht. Den Brahmanen, also der obersten Kaste, ist es untersagt andere zu bedienen, zu fegen oder Müll zu entsorgen.

Das ist niedere Arbeit für die unteren Kasten. Nur das die Brahmanen heute kein hohes Einkommen mehr haben und niemanden bezahlen können, der ihnen den Dreck wegräumt. Und so gehen die Könige langsam im Dreck unter. Heute sind die mittleren und unteren Kasten die wohlhabenderen, denn diese dürfen arbeiten. Ein Brahmane würde nie bei uns im Restaurant als Kellner oder Koch anfangen.
Höchstens selbst ein Geschäft eröffnen, und das endet wie viele hier. Der Brahmane sitzt im Müll hinter seiner oft leeren Kasse.“
Jetzt kann ich verstehen, dass hier keiner den Müll wegräumt, ich würde doch auch nicht meine Chance aufs Paradies durch Arbeit verspielen. Dann lieber die paar Jahrzehnte in der Scheiße sitzen.
Sabine meinte: „Normalerweise müsstest du das mal fotografieren, das glaubt doch sonst keiner, wie das hier aussieht.“
Okay, ich nehme den Deckel vom Objektiv und fokussiere auf den Müll, dann auf die fliegenübersäten Essensreste, dann ein Bild von den Fäkalien, dann ist mir schlecht.
Schade, dass ich euch keine Geruchsprobe mitbringen kann. Aber vielleicht gibt es in der Parfümerie „Der Duft Indiens“, da könnt ihr mal dran riechen und hoffen, dass es auch wirklich der original Duft ist, so leicht süßlich.
Wir fahren durch Hyderabad, eine Millionenstadt mitten in Indien. Ich würde gerne ein Eis essen, traue mich aber nicht, weil ständig der Strom ausfällt und ich auch noch keinen Kühllastwagen gesehen habe. Die Stadt duftet wie jede andere auch. Wir fahren dicht hinter einem Stadtbus her, der mit seiner Hupe eine Gasse durch den Brei aus Menschen und Blech bahnt. Rücklichter sind kaputt, eine Fensterscheibe an der Seite durch ein Holzbrett ersetzt, die Motorabdeckung fehlt, der Blinker ist aus der Karosserie gerissen und baumelt funktionslos an seinem Kabel an der Seite. Ein schrottreifer Stadtbus, wie er auch in Bamako, Ouagadougou oder einem anderen Entwicklungsland fahren könnte. Aber der Unterschied besteht in dem Fahrtzielanzeiger. Hier steht nicht „Neustadt“, „Bahnhof“ oder „Zentrum“, sondern „High-Tech-City“.
Als ich das Schild entdeckte, war für mich klar: „Da muss ich hin.“

„Sabine, der fährt zur High-Tech-City, da gibt es bestimmt eine funktionierende Kühltruhe mit Eis.“
Also hinter dem Bus her. Vorbei an gammeligen Hochhäusern, entlang des Abwasserkanals, der nicht nur das Abwasser, sondern auch den Plastikmüll entsorgt. Der Bus biegt rechts ab, wird schneller. Plötzlich weicht er nach links aus, eine Fußgängergruppe springt zur Seite, die heilige Kuh bleibt unbeeindruckt in der Straßenmitte stehen. Lieber einen Kastenlosen unter die Räder nehmen, als eine heilige Kuh. Andere Prioritäten eben.
Dann sind wir in High-Tech-City. Ein Firmengelände eingezäunt mit Maschendraht. An den Bürofenster hängen windschiefe, rostige Klimaanlagen aus denen das Kondenswasser tropft und ein grünes Rinnsaal der Hauswand entlang läuft. Auf dem rostigen Blechschild, das schief mit Bindedraht am Zaun befestigt ist steht „Biotech-Labor“ und mit Hand unten drunter gepinselt „Zertifiziert nach ISO 9001“.
Nebenan ein großes Büro mit einem ebenso handbemalten Schild „Web-Design“.
Ein Stück weiter auf einer großen Wiese dann wohl die wahre High-Tech. Eine großes Bio-Tech-Labor. Alles sieht ordentlich aus, im Garten stehen riesige Notstromaggregate, die mehrmals am Tage zum Einsatz kommen, wenn wieder mal die Stadtwerke nicht liefern können. Auf der Wiese vor dem Eingangstor und entlang des Werkzaunes hat sich ein Slum gebildet. Vielleicht 100 Bretter- und Zellefanbuden stehen hier, und ein vielfaches an Menschen lebt hier, ohne jede Versorgung und erst recht keine Entsorgung.
Eis traue ich mich hier keines zu essen.
Deutschland zittert vor der neuen Wirtschafts- und Industriemacht Indien und alle erzählen von der Goldgräberstimmung hier im Land und ich finde nicht mal eine funktionierende Kühltruhe. Gut, vielleicht gibt es in Bangelore einen Stadtteil in dem es den Indern gelingt eine Kühltruhe 24 Stunden mit Strom zu versorgen, aber den muss man erst mal finden.
„Die glauben sie könnten Europa und Amerika überholen? Das glaub ich erst, wenn ich die Kühltruhe sehe,“ belustige ich mich auf der Weiterfahrt.
In New Delhi ist es dann soweit. Es gibt alles. Fast europäischer Standart. Eisdielen, französische Spezialitäten, Mercedes, BMW und Porsche und Büros aller namhaften Firmen.
Wir warten auf unser Visum für den Iran, der Zeitungshändler bringt mir jeden Tag die Indian-Times und eine Wirtschaftszeitung ans Auto.

Stellenanzeigen in rauen Mengen. Ingenieure aller Richtungen, Manager, Banker, Sekretärinnen, einfach alles wird gesucht. IBM sucht genau wie Siemens, Microsoft, Google, Sony oder Shell. Und natürlich die Bio-Tech-Firmen.
Die Inder gelten als sehr gut ausgebildet (deutlich besser als Chinesen).
Es werden Top-Gehälter (für indische Verhältnisse) geboten.
Sekretärin gesucht: fließend Englisch, perfekte Office-Kenntnisse, mindestens 5 Jahre Berufserfahrung. Geboten: 150 Euro im Monat.
Gesucht werden Ingenieure mit 10 Jahren Berufserfahrung für leitende, eigenverantwortliche Funktion. Geboten: 500 Euro pro Monat. Einen SAP-Programmierer und Schulungsleiter für 250 Euro, einen Fahrer für 80 Euro und einen ungelernten Arbeiter gibt’s schon für 70 Euro im Monat.
Hindustan Times 09.03.2007
Tata Steel kauft weitere drei Stahlwerke auf.
The Times of India 10.03.2007
Siam (Indische Autofabrik) verkaufte im Februar 46,5% mehr Personenwagen als im Vorjahr. 92.594 Einheiten nach 63.213.
Maruti verkauften 57% mehr Autos. Moped Produktion stagnierte bei plus 6%.
Indien bestellt 415 neue Flugzeuge und stellt 5.000 neue Piloten ein.
Indien erhöht die Beteiligung an der Venezuelanischen Ölgesellschaft San Christobal von 30 auf 49%, um den steigenden Ölbedarf zu decken.
DP World plant, 2 Milliarden US-Dollar in fünf neue Container Terminals zu investieren.
Indian Oil Corp (IOC) investiert 1,5 Milliarden US-Dollar in Ölfelder in Kongo.
Derzeit sind 40 Millionen Inder Online. Die Wachstumsrate liegt bei 700% und übersteigt die von China mit 486% deutlich. In ein paar Jahren werden mehr Inder Online sein als Europäer.
Stahlproduktion steigt auf 44 Millionen Tonnen. In den nächsten 10 Jahren soll die Produktionskapazität verdreifacht werden und Indien wäre hinter China der zweitgrößte Stahlproduzent der Welt.
Die Supermarktkette Spencer eröffnet ab April täglich einen Supermarkt bzw. Hypermarkt, ab Oktober werden täglich zwei neue Märkte eröffnet. In den nächsten drei Jahren sollen 4.000 neue Filialen entstehen.
Stahlmagnat Mittal (der, der Arcelor kaufte) ist mit 32 Milliarden US-Dollar der reichste Mann Indiens und die Nummer fünf der Welt. Nach der aktuellen Forbes-Liste hat Indien 36 Milliardäre und damit mehr als Japan.
In New Dehli, der Hauptstadt Indiens besorgen wir die Visa für die nächsten Länder. Wir stehen auf einem Parkplatz im Botschaftsviertel zusammen mit Walter und Lore und Nico und Esther.
Hier lässt es sich gut leben, das Viertel ist sauber und es gibt gute Restaurants und endlich wieder Eiscreme.
Auch um unsere Botschafter müssen wir uns keine Sorgen machen. Die Leben in fürstlichen Residenzen und repräsentieren den First-Class-Lebenstil ihrer Länder. Würde an den Eingangsportalen nicht die Landesfahne wehen, würde man meinen es seien die Villen von Hollywood-Stars mit ihrem Nobel-Fuhrpark in den Garagen. Und auch für das leibliche Wohl wird bestens gesorgt. Hört man aus diesen Zeilen Neid heraus? Hmm, wie kann so etwas kommen?
Die Botschaften von Iran und Pakistan verlangen ein Empfehlungsschreiben der Deutschen Botschaft von uns. Also marschieren wir zu unserer Vertretung um den Standartbrief abzuholen. Wir werden in einen kleinen Raum gelassen, etwa so groß wie ein Wartehäuschen an der Bushaltestelle. Ich frage die Dame höflich, ob man nicht ein Empfehlungsschreiben für uns beide erstellen kann, also insgesamt nur zwei Schreiben statt vier.
„Nein, jeder braucht ein solches Schreiben, das akzeptieren die Iraner nicht und so etwas haben wir noch nie gemacht.“
Ich ärgere mich über die doofe Nuss. „Aber es ist doch mein Problem, ob die Iraner das Schreiben akzeptieren oder nicht, für die Muslime ist doch klar das meine Frau nicht alleine reisen darf und ob Sie so etwas noch nie gemacht haben, ist doch kein Argument.“
„Nein, ich drucke ihnen vier Schreiben aus. Das macht dann zusammen 80,- Euro.“
Eine Stunde später bei den Iranern.
Wir werden in die Botschaft gelassen, werden mit Tee bewirtet und sitzen in noblen Ledersesseln. „Warum habt ihr zwei Schreiben machen lassen? Lasst das beim nächsten Mal auf ein Blatt schreiben.“ Was soll ich darauf antworten?
Noch in keiner Botschaft sind wir so gut behandelt worden wie bei den Iranern. Bei den meisten Landesvertretungen ist eher wie bei der Deutschen: unfreundlich, arrogant und teuer.
Für ein Touristenvisum müssen unsere Daten gecheckt werden, dass kann bis zu sechs Wochen dauern. Solange zu warten haben wir keine Lust, also bleibt nur ein Transitvisum von 7 Tagen, das wir in fünf Tagen abholen können.
In Pakistan fahren wir bei Regen in die Hauptstadt Islamabad, wegen der leckeren Sahneteilchen und dem Candellight-Dinner-Büffet des Holiday Inn. Sahneteilchen waren wieder super, doch das Büffet hat an Auswahl nachgelassen und der Preis ist um 25% angehoben worden. Zudem war der Service unaufmerksam, weil gerade ein Kricket-Spiel im Fernsehen lief.
Am übernächsten Tag dann nach Peshawar am Fuße des Khyber-Passes. Wir wollen versuchen über Afghanistan in den Iran zu fahren.
Wir brauchen ein Touristen-Visum für Afghanistan, eine Straßenbenutzungserlaubnis für unsere Kuh und eine Fahrgenehmigung mit Bewachung über pakistanisches Stammes-Gebiet bis zur Grenze.
Am Abend gehe ich auf den Markt, kaufe Hühnchen und Fladenbrot. In einer Nebengasse werden Waffen jeder Art angeboten. Von Kleinstwaffen in Form von Kugelschreibern bis hin zu Geräten, die man auf einem Anhänger transportieren müsste. Alles in Pakistan gefertigt. Fotografieren habe ich mich nicht getraut, hatte Angst die Dinger gehen los.
Eine Straße weiter wird Rauschgift (Opium) offen in kleinen und auch größeren Tüten in kleinen Geschäften angeboten. Das Zeug kann man hier kaufen wie bei uns Mehl und Zucker.
Hinter einer der Theken sitzt ein Mann in meinem Alter, sieht aus wie Bin Laden persönlich, wir kommen ins Gespräch. Nach dem üblichen Smalltalk frage ich:
„Ich will nach Afghanistan, nach Kabul, Mazar e Sharif und Herat, meine Regierung sagt es sei äußerst gefährlich, andere sagen, das Risiko sei relativ gering. Was ist ihre Meinung?“
„Aha, du willst da hin wegen der Mädchen“, davon war nie die Rede und ich bin überrascht das er sofort damit beginnt. „In Afghanistan findest du die hübschesten, jüngsten und billigsten Mädchen und Frauen. Und die Frauen lieben die Deutschen, viele haben von den Soldaten deutsch gelernt. Bei den Kasernen gibt es Bordelle, die von den Soldaten gerne besucht werden.“ Er sieht meinen skeptischen Gesichtsausdruck, „du glaubst mir nicht. Fahr hin und guck es dir an.“ Ich glaube es ihm wirklich nicht, aber nach kurzem Überlegen ist mir dann schon klar, das natürlich für das leibliche Wohl von Tausenden von Soldaten fern der Heimat gesorgt werden muss. Und Afghanistan ist eines der ärmsten Länder, wo jeder und jede sieht, wie man zu Dollars oder Euros kommt.
„Und wie ist es mit meiner Sicherheit?“
„Mach dir keine Sorgen, keiner wird einem Gast etwas schlechtes zufügen. Gastfreundschaft hat bei uns eine lange Tradition.“
„Aber es kommt gelegentlich zu Übergriffen auf deutsche Soldaten.“
„Ich habe dir doch gesagt, dass Gastfreundschaft eine lange Tradition hat, aber wer zu uns kommt und unsere Tradition bekämpft, der kann keine Gastfreundschaft erwarten.“
„Tun das die Soldaten?“
„Nimm als Beispiel das Opium. Opium wird bei uns seit Jahrhunderten angebaut und geraucht, es ist eine legale Droge, so wie bei euch Bier und Alkohol, der bei uns verboten war. Der Opiumanbau gehört bei uns zur Tradition, so wie bei euch das Bierbrauen. Jetzt soll der Opiumanbau verboten werden und die Soldaten, vor allem die Amerikaner, brennen unsere Felder ab. Bier und Whisky kann man jetzt in jeder Stadt ganz legal kaufen. Die brennenden Opiumfelder sind ein Symbol dafür, dass ihr unsere Kultur und unsere Traditionen niederbrennt und zerstört.“
„Aber wir helfen doch beim Aufbau, wir bauen neue Straßen und Infrastruktur auf.“
„Dafür erwartet ihr Dankbarkeit. Die bekommt ihr auch von den korrupten Regierenden und den reichen Geschäftsleuten, die sich an euren Aufträgen erst einmal selbst bereichern. Und guck dir an, wer auf den neuen Straßen unterwegs ist, das sind vor allem eure gepanzerten Wagen und die der Reichen. Dem Bauern ist es egal, ob er mit seinem Esel auf einer alten oder neuen Straße reitet.“
Ich nehme mein Hühnchen und gehe. Sicherlich ist die Aussage eines Opiumhändlers nicht repräsentativ für Afghanistan.
Am nächsten Tag machen wir die Behördenrunde. Die Fahrgenehmigung bis zur Grenze gibt es problemlos im Home- and Triblearea-Department der Polizei. Das Touristenvisum gibt es für 30 Dollar innerhalb von zwei Stunden und gilt 30 Tage. Nur die Straßenbenutzungsgenehmigung für Afghanistan wird uns verweigert. Diese gab es bis vor einigen Monaten noch problemlos für ein paar Dollar in der afghanischen Botschaft. Jetzt ist der Botschafter nicht mehr befugt, diese Genehmigung zu erteilen. Dafür müssten wir zurück nach Islamabad und auch dort wird sie nur noch für humanitäre Hilfstransporte erteilt. Wir könnten aber mit dem Bus zur Grenze fahren und uns mit öffentlichen Verkehrsmittel in Afghanistan frei bewegen.
Wir hätten uns für Pakistan ein Touristenvisum holen sollen, denn so bleibt uns nicht die Zeit für den Genehmigungsaufwand in Islamabad. Irgendeine Organisation, der wir einen Sack Reis nach Kabul gefahren hätten, hätte sich schon gefunden.
Also geht es durch Belutschistan nach Iran.
Wir beeilen uns. Sieben Tage ist nicht viel Zeit und wir wollen in Teheran Freunde besuchen. Doch diese sind noch in den Ferien und kommen erst drei Tage später zurück. Schade, aber wir sehen uns im Sommer in Deutschland. Wir freuen uns schon.
Der Iran war wieder beeindruckend, solche ehrliche Gastfreundschaft, solche Großzügigkeit haben wir noch nirgends erlebt. Das Wort „Ausländerfeindlichkeit“ gibt es im iranischen Wortschatz scheinbar nicht.
Wer Zeit hat, sollte unbedingt mal den Iran besuchen, vorausgesetzt er ist kein Brite oder Amerikaner, den die haben, so haben wir in Goa von Briten gehört, ganz andere Erfahrungen mit Iran gemacht. Allerdings hat der Iran in der Geschichte auch mit England andere Erfahrungen als mit Deutschland gemacht.
Wir wollen nach Kurdistan, uns mal vor Ort ansehen, wie die Türken mit ihren Landsleuten umgehen. Ist da noch Bürgerkrieg oder nicht? Wir fahren in die Hochburg der PKK nach Hakkari und weiter an der irakischen Grenze entlang.
Im Friedensvertrag, den die Alliierten nach dem ersten Weltkrieg 1920 mit der Türkei geschlossen hatten, wurde den Kurden ein unabhängiger Staat zugesichert, wobei diese Zusage jedoch bis heute nicht eingehalten wurde. Von den geschätzten 25 Millionen Kurden zu Beginn der neunziger Jahre leben mehr als die Hälfte in der Türkei, während der andere Teil des kurdischen Volkes sich auf den Iran (rund neun Millionen), Irak (etwa 4,5 Millionen) und auf Syrien (etwa 1,2 Millionen) sowie Armenien und Georgien verteilt. Seit 1925 kämpfen die Kurden in der Türkei sowie im Irak und im Iran um politische Autonomie und Selbstverwaltung – ein zum Teil mit Mitteln der Guerillatechnik und terroristischen Anschlägen geführter Kleinkrieg, der in der Türkei von der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) angeführt wird.
1970 sicherte die irakische Regierung den Kurden nach einem fast achtjährigen Krieg Autonomie im nordöstlichen Irak zu. Die Durchsetzung dieses Versprechens entsprach jedoch nicht den Forderungen der Kurden und so wurde der Bürgerkrieg 1974 wiederaufgenommen. Der Aufstand brach 1975 zusammen, nachdem der Iran im Rahmen des Grenzvertrags mit dem Irak die Hilfe für die Kurden eingestellt hatte. 1988 wurden Tausende von Kurden getötet (einige fielen Giftgasangriffen zum Opfer) und Hunderte von kurdischen Dörfern von irakischen Truppen zerstört, nachdem sich kurdische Kämpfer im 1. Golfkrieg auf die Seite des Iran geschlagen hatten. Im März und April 1991 zerschlug die irakische Regierung unmittelbar nach dem 2. Golfkrieg einen weiteren kurdischen Aufstand. Mehr als eine Million Kurden flohen damals in die Türkei, in den Iran und in die Bergregionen des nördlichen Irak.
Auch in der Türkei wird den Kurden traditionell ihre kulturelle Eigenständigkeit verwehrt – sie gelten im Rahmen der von Kemal Atatürk eingeleiteten Politik der Zwangsassimilierung offiziell als Bergtürken. Das türkische Militär führt seit 1991 einen erbitterten Kampf gegen die PKK, unter dem vor allem die Zivilbevölkerung zu leiden hat. Planmäßig werden dabei kurdische Dörfer zerstört, um „Widerstandsnester” auszuheben. Die türkische Regierung lehnte im August 1998 einen Waffenstillstand mit der PKK ab, den diese einseitig angekündigt hatte.
1987 verhängte die türkische Regierung den Ausnahmezustand über den Südosten Anatoliens und verschärfte den Kampf gegen die PKK; ab 1993 führte sie mehrere Großoffensiven durch, an denen jeweils schätzungsweise 100 000 Soldaten mit schwerem Kriegsgerät, Panzern und Kampfflugzeugen beteiligt waren; die Zahl der in dieser Zeit in Südostanatolien stationierten türkischen Soldaten wird auf mindestens 250 000 geschätzt. Im Rahmen ihrer Großoffensiven drang die türkische Armee wiederholt unter Missachtung der Souveränität der Nachbarländer auch auf irakisches und syrisches Gebiet vor, um dort die Rückzugsbasen der PKK anzugreifen. Dem Krieg zwischen türkischer Armee und PKK fielen insgesamt 30 000 bis 40 000 Menschen zum Opfer, darunter mindestens 5 000 kurdische Zivilisten, zum Teil Intellektuelle und Politiker, die „von unbekannt” ermordet wurden. Zudem wurden über 3 000 kurdische Dörfer samt ihrer Infrastruktur zerstört und etwa 2,5 Millionen Kurden zur Flucht gezwungen, und hunderte Kurden sitzen wegen tatsächlicher oder vermuteter Sympathie für die PKK im Gefängnis.
Internationale Menschenrechtsorganisationen warfen beiden Seiten, aber doch vor allem der mit Ausnahmerechten ausgestatteten türkischen Armee, massive Verletzung der Menschenrechte vor. Auf scharfe Kritik stieß im westlichen Ausland auch die Tatsache, dass das NATO-Land Türkei bei seinen Offensiven gegen die Kurden NATO-Kriegsgerät einsetzte, darunter auch deutsche Waffen und Panzer. Der unverhältnismäßige Einsatz der türkischen Armee, der vor allem die kurdische Zivilbevölkerung traf, wurde von Kritikern der türkischen Regierung auch als Vorgehen apostrophiert, das an Völkermord grenze. Die türkische Regierung ihrerseits betrachtet das Kurdenproblem nicht als ethisches, sondern als Folge der Armut und Unterentwicklung der Region, d. h. als Problem, das mit vorwiegend ökonomischen Mittel zu lösen sei. Fast die Hälfte der türkischen Staatsausgaben fließt in den Krieg gegen die PKK bzw. die Kurden.
Die seit der Gründung der türkischen Republik andauernden und seit Ausbruch des bewaffneten Kampfes drastisch verschärften Repressionen seitens der Regierung veranlassten Hunderttausende Kurden, ihre Heimat in Richtung westeuropäisches Ausland zu verlassen. In Deutschland leben etwa 500 000 Kurden; schätzungsweise etwa 10 000 sind Anhänger bzw. Mitglieder der PKK. Seit Mitte der achtziger Jahre agierte die PKK auch in Deutschland gegen die türkische Regierung, verübte hier u. a. Anschläge auf türkische Einrichtungen und türkische Staatsbürger. 1993 wurde die PKK in Deutschland verboten, ihre Strukturen blieben jedoch laut Verfassungsschutz weitgehend intakt. Ihre gewaltsamen Aktionen stellte die PKK in Deutschland allerdings ein, nachdem Öcalan sie mehrmals zum Gewaltverzicht aufgerufen hatte.
Im September 1998 drohte die türkische Regierung Syrien Militäraktionen an, sofern das Land nicht bereit wäre, PKK-Chef Öcalan, der sein Hauptquartier in Syrien hatte, auszuliefern. Öcalan verließ Syrien, und nach einer Odyssee durch mehrere europäische Länder, in denen er vergeblich um Asyl nachsuchte, wurde er schließlich im Februar 1999 vom türkischen Geheimdienst in der kenianischen Hauptstadt Nairobi festgenommen und in die Türkei überführt. Die Festnahme Öcalans wurde in der Türkei von offizieller Seite als der bislang vernichtendste Schlag gegen die PKK und als Sieg des Staates gefeiert. Am 29. Juni 1999 verurteilte das türkische Staatssicherheitsgericht Öcalan wegen Hochverrats, Separatismus und Terrorismus zum Tod.
Bereits während seines Prozesses bekannte sich Öcalan zu einer friedlichen, politischen Lösung des Kurdenkonfliktes und erklärte die Forderung der PKK nach einem unabhängigen Kurdenstaat für überholt. Das Angebot eines einseitigen Gewaltverzichts, das auch von der PKK bestätigt wurde, stieß bei der türkischen Regierung allerdings auf keinerlei Resonanz. Anfang August 1999 forderte Öcalan, bereits verurteilt, die PKK-Kämpfer auf, ab dem 1. September die Waffen niederzulegen und aus der Türkei abzuziehen. PKK-Führung und -Kämpfer (schätzungsweise noch 6 000) erklärten sich bereit, Öcalans Aufforderung zu befolgen, und appellierten zugleich an die türkische Regierung, sich ebenfalls um eine friedliche Lösung des Kurdenkonfliktes zu bemühen. Die türkische Regierung unter Ministerpräsident Bülent Ecevit lehnte jedoch erneut jegliche Verhandlungen und jeden Kompromiss mit der PKK ab. Zwar verabschiedete das türkische Parlament Ende August ein „Reuegesetz”, das PKK-Kämpfern, die sich freiwillig ergeben, Strafmilderung zusagt; allerdings wurde das Gesetz auf Betreiben der mitregierenden rechtsextremen Partei der Nationalen Bewegung (MHP) derart verwässert und mit zahlreichen Einschränkungen versehen, dass es PKK-Mitgliedern kaum Anreize bietet, sich den Behörden zu stellen.
Die PKK-Kämpfer begannen ihren Abzug aus Südostanatolien bereits in der letzten Augustwoche. Wohin sie sich zurückzogen – darüber ließ die PKK nichts Konkretes verlauten. Vermutlich ging ein Großteil der Kämpfer in den Nordirak; als weitere mögliche Rückzugs- und Zufluchtsgebiete nannte die PKK außerdem den Balkan, den Nahen Osten und den Kaukasus sowie Europa. Am 1. September 1999 erklärte Osman Öcalan, der Bruder Abdullah Öcalans und einer der Führer der PKK, den bewaffneten Kampf der PKK gegen den türkischen Staat für endgültig beendet – auch für den Fall, dass das Todesurteil gegen Abdullah Öcalan tatsächlich vollstreckt werde. Unterdessen ging die türkische Armee weiter mit der gewohnten Härte gegen PKK-Einheiten vor; sowohl Militär- wie auch politische Führung der Türkei interpretierten den Rückzug der PKK als taktischen, propagandistischen Schachzug.
Im Januar 2000 bestätigte ein außerordentlicher Kongress der PKK, der im Nordirak tagte, die Einstellung des bewaffneten Kampfes gegen die Türkei und bekräftigte ihren Willen, sich in eine politische Partei umzuformen und sich für den Aufbau eines gemeinsamen türkisch-kurdischen, demokratischen Staates einzusetzen. Ihre Neuorientierung manifestierte die PKK u. a. durch die Entfernung der kommunistischen Symbole Hammer und Sichel aus dem Parteiemblem und des Begriffes „Kurdistan” aus den Namen ihrer Gliederungen.
Anfang 2002 ging die PKK noch einen Schritt weiter: Im Januar beschloss der Parteirat, „innerhalb der Grenzen der EU und der Türkei die Arbeit unter dem Namen PKK einzustellen”, und unterstrich damit nach eigener Aussage ihren Willen, in Zukunft ausschließlich als zivile, legale Partei mit politischen Mitteln für die kulturellen Rechte der Kurden in der Türkei zu kämpfen und vollkommen auf Waffengewalt zu verzichten.
Im April 2002 erklärte die PKK formell den bewaffneten Kampf für beendet. Gleichzeitig gab sie ihre Umwandlung in eine politische Partei, die sie durch ihre Umbenennung in „Kongress für Freiheit und Demokratie in Kurdistan” (Kadek) zu unterstreichen suchte, bekannt. Vorsitzender der Kadek wurde der weiterhin inhaftierte Abdullah Öcalan. Zugleich aber erklärte die Kadek, dass die kurdische Guerilla nicht abgeschafft werden könne, solange die türkische Regierung den kurdischen Kämpfern keine Amnestie gewähre und die Todesstrafe nicht abschaffe. Trotz der formellen Abkehr der PKK von der Gewalt erklärte die Europäische Union (EU) im Mai 2002 nach langem Zögern – was zu einigen Irritationen im Verhältnis zwischen der Türkei und der EU geführt hatte – die PKK zur Terrororganisation.
Lange Rede Mann, aber nur damit das Problem noch mal bewusst wird und ihr unsere Erlebnisse besser einschätzen könnt.
Auf dem Gebiet des Iran bekommen wir gar nicht mit, dass es hier Gebietsansprüche der Kurden gibt. Alles ist normal, keine Polizei, kein Militär, die Iraner oder Kurden hier sind wie gewohnt überaus freundlich und korrekt. Wir übernachten wild in Grenznähe zur Türkei (auf iranischem Gebiet) keinen stört es, keiner kommt und fragt.
Am nächsten Morgen fahren wir zum Grenzübergang Serou / Esendere, trinken den letzten Tee mit den iranischen Zöllnern und kurze Zeit später den ersten türkischen Mokka mit den türkischen Zöllnern. Alles geht absolut korrekt und freundlich ab. Unsere 850 Liter Diesel in den Tanks sind kein Problem. Den Iraner interessiert es nicht, und dem Türken zeige ich auf seine Nachfrage nach Diesel einen leeren 20 Liter Öl-Kanister.
Viel von der Landschaft zu sehen gibt es nicht, die Straße verläuft fast ständig in einer tiefen Schlucht. Die wenigen Pässe sind in Wolken gehüllt. Das Wetter ist schlecht, es regnet ständig.
Wir haben den Eindruck, Kurdistan besteht nur aus Steinen, Fels und Geröll. Gelegentlich kleine, armselige Ortschaften, in denen die meisten unverputzten, wellblechgedeckten Häuser nicht besser aussehen als die Schafställe. Die Menschen leben von und mit ihren Schafherden.
Dazwischen ,im Kontrast, moderne Kasernen mit unzähligen gepanzerten Fahrzeugen in den Hallen. Ölzentralheizung und Notstromgeneratoren, die rund um die Uhr brummen.
Auf den Pässen liegt Schnee und es schneit unaufhörlich. Wegen des Schnees sind keine Autos mehr unterwegs nur unser Deutz bahnt sich dank Allradantrieb seinen Weg durch den Neuschnee.
In jeder Kurve sieht man kleine Unterstände in denen drei bis fünf Soldaten ihre Teekanne auf dem Feuer stehen haben und sich wärmen. Im Schnitt alle zehn Kilometer passieren wir einen Militär-Check-Point. Radpanzer und Kettenpanzer sichern die Kontrollpunkte. Insgesamt sind wir und unser Auto auf den 200 Kilometern im Grenzgebiet zum Irak 16 mal durchsucht worden. Und zwar gründlicher als bei der Einreise.
An einem Check-Point kommt es zum Streit. Es regnet und wir sollen draußen im Regen warten, bis unser Auto gecheckt wurde. Ich ärgere mich nicht nur darüber, sondern auch das wir bei jedem Check gründlicher durchsucht werden als die Einheimischen. Später erfahren wir, das zwar alle Autos durchsucht werden, aber bei ortsfremden Autos die Durchsuchung besonders gründlich zu erfolgen hat. Wir sind zwar als Touristen zu erkennen, nur hat bei der Gesetzgebung niemand damit gerechnet das hier Touristen rum fahren. Im übrigen sind wir seit langer Zeit die Ersten.
Also weigern wir uns auszusteigen. Zudem hat er mir nicht wie einem Hund Befehle zu erteilen, sondern die Worte Bitte und Danke zu verwenden. Ein andere Soldat wird gerufen, mit mehr Streifen und Sternchen auf der Schulter. Er will, das wir unser Auto an den Straßenrand fahren, für eine besonders gründliche Durchsuchung. Schikane. Irgendein Soldat fotografiert unseren Deutz mit seinem Fotohandy, natürlich ohne zu fragen. Fotografierverbot? Ich hole meinen Fotoapparat und fotografiere Panzer und Soldaten. Der Soldat mit den vielen Streifen wird böse.
Um die Geschichte abzukürzen:
Später steht unser Deutz am Straßenrand, ist gründlich durchsucht worden und wir sitzen beim Verhör in einem warmen Büro. Ein Übersetzter ist gerufen worden und zwei in zivil gekleidete Männer, die kein einziges Wort sagen, nur alles mit anhören. Das Verhör verläuft ausgesprochen freundlich. Uns wird Tee gebracht und Essen angeboten.
Die üblichen Fragen,
„Warum lasst ihr euer Auto nicht durchsuchen?“ „Wir lassen unser Auto durchsuchen, jetzt schon 14 mal, aber wir lassen uns nicht schikanieren. Ich dachte der Soldat spricht mit einem Hund.“
„Warum habt ihr fotografiert?“ „Weil die Soldaten zuerst mich fotografiert haben, dachte ich das Fotografierverbot sei aufgehoben.“
„Was wollt ihr hier?“ „Es wird behauptet, das türkische Militär achtet in Kurdistan die Menschenrechte nicht, das können wir nicht glauben und wollen uns unser eigenes Bild machen.“
„Was habt ihr in Iran gemacht?“ „Teheran, Schahpalast, Esfahan, Persepolis, das übliche Touristenprogramm.“
„Warum ward ihr in Syrien?“ „Transitland von Jordanien.“
„Warum in Pakistan?“ „Wegen der Berge im Karakorum.“
„Wer finanziert euch?“ „Keiner, wir uns selbst.“
„Es ist sehr gefährlich für euch hier, es wäre besser ihr würdet das Gebiet verlassen.“
Aha, der will uns also los werden, denke ich mir. Wahrscheinlich wird er gleich den Vorschlag machen, uns zwei Geländewagen als Eskorte mit zu geben, die uns hier weg bringen.
Doch plötzlich sind wir frei und können fahren. Der Abschied ist ausgesprochen freundlich. Der mit den ganz vielen Sternen und Streifen entschuldigt sich für das Verhalten seiner Soldaten, ich entschuldige mich für meine Befehlsverweigerung.
Die Fotos interessieren keinen mehr, ich muss sie nicht löschen,
doch leider sind alle verwackelt.
Beim nächsten Check-Point probieren wir was neues. Ich fahre vor bis zum Stopschild. Stelle den Motor ab, öffne unaufgefordert alle Türen und Klappen und stelle mich mit aufgeschlagenem Reisepass vor den Deutz in den Regen und warte.
Der Deutz wird nicht durchsucht und fünf Minuten später sitzen wir auf einer bequemen Couch mit warmen Tee beim Hauptmann in seinem Büro, das eher einem Wohnzimmer gleicht.
Diesmal kein Verhör, sondern ein Gespräch. Der Hauptmann hat eine interessante Ansicht:
„Das was wir (türkische Militär) hier machen ist falsch. Das kostet hier nur Geld und eine Lösung ist nicht in Sicht.
Wir müssen die PKK-Kämpfer in Irak ausrotten, doch seit die USA in Irak ist, können wir dort nicht hin. Und durch den Krieg dort werden die Kurden in die Türkei getrieben und vergrößern das Problem hier.
Die Lösung der Kurdenproblematik liegt in Washington.“
„Wie sieht die Lösung aus?“
„So wie wir die USA im Kampf gegen ihre Terroristen unterstützen muss die USA uns bei dem Kampf gegen die PKK unterstützen und nicht nur mit Worten.“
Am nächsten Tag (wir mussten bei einem Check-Point übernachten) werden wir von einem alten, zahnlosen Kurden zum Tee eingeladen. Er freut sich mächtig, als ich anhalte und die Einladung annehme. Er lacht und schüttelt mir fünf mal die Hand. In dem kleinen Zimmer steht ein Ofen, in dem mit Kuhdung ein Feuer brennt. Der Tee steht bereits zubereitet in der Kanne auf dem Ofen. Wir setzten uns, eine Verständigung ist nicht möglich. Der Zucker hat sich noch nicht aufgelöst, es sind vielleicht zwei Minuten vergangen, als zwei Soldaten in die Hütte kommen und die Teerunde beenden. Es sei für uns zu gefährlich, wir sollen weiterfahren. Wir sagen den Soldaten, wenn sie was von uns wollen sollen sie draußen beim Auto warten, wir trinken in aller Ruhe unseren Tee zuende.
Der Alte guckt ernst und zuckt mit den Schultern. Schade das wir nicht miteinander reden können. Als wir seine Hütte wieder verlassen scheint er froh zu sein.
Als wir das Kurdengebiet verlassen frage ich mich, wo ist eigentlich die UN, die doch sonst überall mit ihren schönen neuen weißen Geländewagen spazieren fährt. Wir haben kein einziges Fahrzeug der UN gesehen.
Ab Sirnak werden die Militärkontrollen deutlich weniger und beschränken sich auf Passkontrollen. Unser Auto wird nicht mehr durchsucht. Dafür werden die Preise für Döner-Kebab oder Schischkebab immer teurer, je näher wir der Küste kommen und die Portionen immer kleiner.
Unser Wüstenschiff muss in die Werft. Bremsen vorne und hinten neu belegen, Radbremszylinder überholen und die kleine Öl-Leckage am Motor finden und abdichten.
Zwei Mechaniker schrauben ein 1 ½ Tage an dem Deutz. Alles zusammen (ohne Material) inklusive einer abschließenden Wagenwäsche und zwei Mittagessen, kostet 75 Euro.
Bei Silifke finden wir einen tollen unverbauten kilometerlangen Sandstrand. Hier erholen wir uns noch ein paar Tage von der Reise, bevor wir zu unserem Sommerurlaub nach Deutschland starten.

Die Bildershow zur Reise gibt es in unserem Shop.
Entlang der Goldküste ist es uns zu langweilig und zuviel Asphalt für unsere MUD-Terrain Reifen. Eine Alternative ist der Regenwald.
Vom Kuhstall zum höchsten Wohnhaus der Welt, wie geht das? Ist Surfers Paradise wirklich ein Paradies für Surfer?
Wir waren zehn Tage auf Fraser Island, einem Naturschutzgebiet und Off-Road Paradies. Zeit, unser Tagebuch zu überarbeiten fanden wir auch.