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Pistenkuh · Sabine und Burkhard Koch

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Namibia 

„Hey, wo wollt ihr hin?", fragt der Fahrer im Pick-up neben mir.
Es ist bereits dunkel, wir haben gerade die Grenzformalitäten erledigt und suchen einen Übernachtungsplatz. Es ist schwierig, denn das Land steht nach den tagelangen Regenfällen unter Wasser.
„Wir suchen einen Übernachtungsplatz", rufe ich ihm entgegen.
„Fahrt hinter mir her, ich habe eine Werkstatt, da könnt ihr campen, so lange ihr wollt."

deutz in namibia

Namibia fängt ja gut an, denke ich.
Beim Abendessen macht Wynard den Vorschlag: "Kommt doch am Wochenende mit raus nach Ruacana, wir haben dort einen tollen Platz und machen dort einen leckeren Brei. Wir fahren jedes Wochenende raus nach Ruacana."
Ich habe zwar keine Lust, Brei zu essen, hätte eher ein Huhn gegrillt, aber egal. Wo Ruacana liegt, weiß ich auch nicht, aber es wird nicht so weit sein, wenn Wynard jedes Wochenende dort hin bügelt. „Okay, wir fahren mit."
Am nächsten Tag einen Blick auf die Karte: „Oh, 280 km, dazu in die für uns falsche Richtung." Egal, wir verfeuern ja billigen Diesel aus Angola.

Einkaufen 

Im nächsten kleinen Städtchen erst mal in den Supermarkt. Ein richtiger Supermarkt mit Einkaufswagen, geteertem Parkplatz und sauber, genau wie in Europa. Ist ja auch eine deutsche Kette: „Spar". Spar hat Namibia mit Supermärkten überzogen, wie Aldi Deutschland. Es gibt alles zu kaufen, wirklich alles und das zu billigen Preisen, wie in Deutschland.

Preisbeispiele: Rindfleisch 3 Euro das kg, ein Brötchen 8 Cent, Sahnetorte im Strandkaffee 1 Euro, die Tasse Kaffee dazu 60 Cent, natürlich mit Meeresblick.

Vorbei die Zeit, wo Supermärkte die Größe einer Doppelgarage hatten, der selten gefegte Laden vor Kakerlaken wimmelte und der Schwarze an der Kasse völlig überzogene Preise verlangte.
Wir kaufen ein. Zwischendurch muss ich noch mal raus, einen zweiten Wagen holen. Es gibt eine Wursttheke und die schwarze Verkäuferin fragt in perfektem Deutsch, ob ich die Fleischwurst mit oder ohne Knoblauch will. Grillwürstchen und Rindersteaks verschwinden in unserem Wagen. Da können die am Wochenende Brei essen so viel sie wollen, ich werde notfalls heimlich im Auto essen.

Das Wochenende steht vor der Tür. Noch kurz ins Internet und an unsere Freunde eine kleine e-mail mit dem Inhalt: „Sind im Paradies Namibia angekommen, melden uns in ein paar Tagen wieder."

Das Grundstück von Wynard und seiner Frau liegt direkt am Kunene, dem Grenzfluss zwischen Namibia und Angola. Er hat hier einen kleinen Campingplatz aufgebaut, er soll ein zweites Standbein neben seiner Autowerkstatt werden.
„Seit dem die Schwarzen regieren, werden wir Weißen diskriminiert. Arbeitsplätze müssen zuerst mit Schwarzen besetzt werden, nur wenn sich für die Arbeit keiner findet, darf ein Weißer eingestellt werden, so lauten jetzt die Gesetze. Uns bleibt nur die Selbstständigkeit. Ich baue das für meine Kinder auf, die haben sonst keine Chance, und dann müssen wir hoffen, dass uns die Schwarzen nicht enteignen."
Feuer wird entfacht und es wird gegrillt. „Was ist mit dem Brei?", will ich wissen und werde verständnislos angeguckt. Es klärt sich wie folgt. Es heißt nicht Brei sondern Braai, ist Afrikaans und heißt soviel wie Grillplatz. Ein lekker Braai ist ein gemütlicher schöner Grillabend und hat mit Zimt und Zucker nichts zu tun. Zum Glück hatte ich ja im Supermarkt vorgesorgt, aber auch ohne meinen Einkauf wäre Fleisch im Überfluss vorhanden gewesen. Auf dem Bakkie, so nennen sie ihre Pick-up Geländewagen, wie sie hier fast jeder fährt, stehen riesige Kühlboxen mit Fleisch und Eiswürfel. Die Eiswürfel sind nicht zum Kühlen des Inhaltes der Kühlbox sondern wandern in die Whisky-Colabecher, das Nationalgetränk der Weißen am Wochenende.

Whisky-Cola

„Kommt, wir sehen uns den Sonnenuntergang kann", schlägt Wynard vor. Der Hügel ist 200 Meter entfernt, also mache ich mich auf den Weg. „Hey, wo willst du hin?", höre ich hinter mir. „Wir nehmen den Bakkie." Auf die Ladefläche wird die Kühlbox mit den Eiswürfeln geladen, die Whisky- und Colaflaschen und jede Menge Bierdosen. Bevor es los geht, werden noch mal alle Becher inkl. der vom Fahrer mit Whisky und Cola gefüllt. Wir sind die ersten Tage in Namibia, daher wundern wir uns noch. Inzwischen ist es für uns normal, dass zu einem Wochenende Eis, Whisky und Cola gehört. Es ist schon amüsant zu sehen, wie jede Arbeit mit einem Isolierbecher in der Hand getätigt wird. Egal, ob Auto fahren, Boot zu Wasser lassen oder Feuer machen. Für Arbeiten, bei denen man eine zweite Hand braucht, kommt der Nachbar oder Freund herüber. In der einen Hand den Whisky-Cola-Becher, die andere Hand frei zum Arbeiten.

Zufällig lernen wir einen Mitarbeiter des Wasserkraftwerkes in Ruacana, dem größten Kraftwerk Namibias kennen. „Wollt ihr euch das Kraftwerk ansehen?" Klar wollen wir und schon geht es mit dem Bakkie dort hin. Eine gigantische Anlage im Felsen versteckt, von außen völlig unscheinbar. Er erzählt uns eine lustige Begebenheit:

„Es kam mal eine Delegation von Ministern und Staatssekretären aus Windhuk. Am Ende der Besichtigung fragte einer der Anzugträger, wie lange man noch aus dem Wasser Strom erzeugen könne, denn irgendwann müsse es ja nur noch Wasser geben ohne Elektrizität drin. Da seht ihr mal, von was für Leuten wir regiert werden."

Kaokoland, die Himbanomaden 

Sonntag Abend fährt Wynard mit seiner Familie zurück nach Oshikango. Wir bleiben noch ein paar Tage und machen uns auf den Weg ins Kaokoland, dem Land der Himba-Nomaden.
himbanomadenDie Himba-Nomaden gehören zu den faszinierendsten Menschen im südlichen Afrika. Sie sind eines der letzten noch ursprünglich lebenden Naturvölker und wurden erst 1850 von weißen Forschern aufgespürt. Himba-Frauen waschen sich ihr ganzes Leben lang nicht und schmieren sich eine Paste aus Butterfett und rötlichem Gesteinspulver auf die Haut. Die Frauen tragen nur kurze Lederschürzen aus Kalbfell und sehr schönen Schmuck aus Kupfer, Messing oder Eisen an den Füßen.himbafuss

Es kracht 

deutz im schlamm 

Fahrtechnisch stellt das Kaokoland eine große Herausforderung für unsere Pistenkuh dar. Viele Flüsse führen Wasser und der aufgeweichte Sandschlamm ist bodenlos. Selbst kleinste Bäche, die wir gar nicht ernst nehmen, lassen unseren Deutz einsinken. Die Seilwinde ist im Dauereinsatz. Zum Glück gibt es genügend Bäume in Ufernähe und so sind wir meist nach ein bis zwei Stunden auf der anderen Seite. Einheimische fahren schon lange nicht mehr. Ein morastiges Wiesenstück liegt vor uns. Es wird spannend, aber zum Glück ist es leicht abschüssig und der Deutz ackert sich durch, soeben. Geschafft! Aber jetzt ist an Umkehren nicht zu denken, denn durch diesen Schlamm bergauf wird nicht gehen. Wir kommen nur langsam voran. flussdurchfahrtEs regnet viel und die Flussquerungen kosten Zeit. Zum Glück habe ich im Supermarkt wie ein besoffener Matrose eingekauft und so haben wir Vorräte für einige Wochen an Bord. Zwei Tage später stehen wir kurz vor Otjitanda von Okauwe kommend an einem stark ausgewaschenen zum Glück trockenen Flussbett. Der Weg führt ins Bachbett und fällt steil ab. Granitfelsen flankieren das Bachbett und unser Deutz passt so eben durch diese Schlucht. Auswaschungen und riesige Felswaschungen fördern die Adrenalinerzeugung meines Körpers. Selbst im ersten Gang untersetzt ist der Karren zu schnell. An einigen Stellen hebt der Deutz eines der Hinterräder und macht die Diff.-Sperre erforderlich. Unsere Pistenkuh wird schön durchgeknetet und es hört sich an, wie auf einem U-Boot auf Tauchfahrt im kritischen Bereich. Ältere Semester erinnern sich vielleicht an den Film „Das Boot." Plötzlich ein lautes metallisches Schlagen und unser Deutz knickt hinten ein. Und zack noch mal. Es hört sich beängstigend an, auf jeden Fall nach einem großen Schaden hier im Nirgendwo. Bei genauer Inspektion stelle ich fest, dass es sich nicht um einen Federbruch handelt, wie zu erst befürchtet, sondern unsere Kofferaufnahme ist vorne gebrochen.
aufnahmebruchGenau unterhalb der dicken Schweißnaht. Was tun? Zum Glück kann ich das Problem mit einem dicken Spanngurt lösen und den Koffer so befestigen, dass die Reise weitergehen kann. Keine dreihundert Meter später wieder ein metallisches lautes Geräusch. Und mein Lenkrad nimmt eine äußerst ungewöhnliche Stellung ein. Diesmal sind zwei der drei Schrauben der vorderen linken Federbefestigung am Rahmen gebrochen. Dadurch verschob sich der Aufnahmebock nach hinten und führte zu einer geänderten Fahrwerk-Symetrie mit der entsprechenden Fehlstellung des Lenkrades.
schraubenbruchDieses Wegstück hat es aber in sich, denke ich mir. Aber da müssen wir nun durch. Die vordere Federaufnahme lässt sich nur bedingt reparieren. Zum Glück haben wir zwei Wagenheber dabei und ich kann aus einem abgesägten Baumstamm einen Stockwindenersatz bauen, damit die Feder entlasten, das Rad runternehmen und mit dem zweiten Wagenheber und einem zweiten dicken Spanngurt die Achse in eine Position bringen, dass ich zwei Ersatzschrauben einführen kann.

Leider sind die Schrauben vier mm zu dünn, haben zu dem keinen Schaft und entsprechen nicht der Festigkeit 12.9. Keine dreihundert Meter später sind meine beiden Schrauben mit einem lauten Knall weggebrochen, die Arbeit eines halben Tages dahin und ich ziemlich ratlos. Die obere der drei Schrauben ist ja noch vorhanden und wir versuchen, ganz langsam weiterzufahren. Und man mag es kaum glauben, wir schaffen es bis ins vierhundert km entfernte Kamanjab wo wir hochfeste Schrauben in der gewünschten Länge, Dicke, Festigkeit und mit Schaft auftreiben. Und hier können wir auch die Kofferaufnahme schweißen lassen. Internet gibt es nicht. Aber ab hier sind wir auf guter Piste unterwegs und so kam die in vier Tagen versprochene e-mail eben erst nach knapp vier Wochen.

Viele Gruesse

Sabine und Burkhard

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