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Pistenkuh · Sabine und Burkhard Koch

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Marokko - Abenteuer 1991

Die Route:

Ceuta - Fes - Azrou - Khenifra - El-Ksiba - Imilchil - Tinerhir - Todra-Schlucht - Dades-Schlucht -  Tizi Tazazert - Tinerhir - Erfoud - Erg-Chebbi - Ouarzazate - Ait-Benhaddou - Telouet - Marrakech - Agadir - Ouarzazate - Errachidia - Midelt - Meknes - Ceuta

Hinter uns liegen knapp 3.000 Kilometer Asphaltstraße durch Europa. Das waren verstopfte deutsche Autobahnen, überflutete Straßen in Frankreich und Schneegestöber in den Pyrenäen. Erst in Spanien konnten wir die Heizung abstellen.
Nach drei Tagen erreichten wir Algeciras und fuhren um 7 Uhr auf die Fähre. Wir waren die einzigen Touristen, warnte doch das auswärtige Amt wegen des Kuwait-Krieges vor Reisen in arabisch-islamische Länder.

Volltanken und zur Grenze.

War das ein Chaos, Menschenmassen bepackt mit Tüten, Säcken, Kisten und lebenden Hühnern, dazwischen Bettler, Schlepper und wir mittendrin.
Gleich stürzten Jugendliche und Männer auf uns ein, die sich als Helfer anboten und uns irgendwelche Zettel zustecken wollten. Wir wollten keine Hilfe, sondern alleine zurechtkommen, was die Helferlein aber nicht davon abhielt, uns ständig zu verfolgen und trotzdem im Anschluß Geld, Zigaretten oder Geschenke zu fordern. Nach zwei Stunden war es dann soweit, der Schlagbaum öffnete sich.
Leichter Regen setzte ein und die Männer mit ihren tief ins Gesicht gezogenen Kapuzen sahen beängstigend aus.
In Tetouan werden wir von Mofafahrern attackiert, die uns zum Berbermarkt führen wollen. Wir überlegen, sollten sie wirklich recht haben und wir das große Glück haben ausgerechnet heute das große Festival der Berber zu erleben ? (Auf späteren Reisen merkten wir, dass jeden Tag großes Berberfest ist und das Fest in einem Teppichladen stattfindet)
Doch wir wollen in den Süden, endlich dem Nieselregen entfliehen.
Am frühen Abend suchen wir uns einige Kilometer vor Fes einen schönen einsamen Übernachtungsplatz, doch schon nach 20 Minuten sind wir umringt von Kindern.
Endlich gehen mit Einbruch der Dunkelheit die Kinder und wir sind absolut am Ende, nur noch ins Bett, der erste Tag war mehr als anstrengend.
Oh nein, ein Mann in Gummistiefel kommt geradewegs auf unser Auto zu. Schlagstock und Tränengas liegen griffbereit, doch er will uns nur zum Tee einladen, weil wir auf seiner Wiese stehen.
Wir überhaupt keinen Bock, jetzt wieder raus in den Regen, doch wollen wir nicht unhöflich sein und nehmen die Einladung an. Wir gehen ca. 1 Km und folgen ihm in sein Haus. Die Verständigung geht nur mit Händen und Gestikulieren aber dennoch ein besonderes Erlebnis für uns. Wir bekommen Minztee und Fladenbrot gereicht, dazu Käse und ein Ei.
Voller Stolz zeigt er uns sein Fernsehgerät, aber sein Haus hat keinen Stromanschluß, nächstes Jahr oder Übernächstes wird eine Stromleitung gelegt. Ain Salah.
Nur mit Mühe können wir abwenden, in seinem Haus übernachten zu müssen.
Endlich sind wir wieder bei unserem Ford-Transit und der Tag ist vorbei.

OrangenAuf dem Weg nach Fes fotografiere ich am Straßenrand einen Apfelsinenbaum, der voller reifer Früchte hängt. Schon kommt ein Mann und pflückt für uns reichlich Apfelsinen. Je mehr wir uns bedanken, desto mehr Früchte pflückt er.
Kurz vor Fes halten wir auf einem Schotterplatz von dem man einen herrlichen Blick auf die Stadt hat und ich mache einige Fotos. Nicole streichelt einen kleinen Esel und der Herr des Esels läßt Nicole reiten. Wir werden in eine Hütte zum Tee eingeladen. Der Mann ist sehr gepflegt und spricht gut Englisch. Wir fragen viel und erfahren viel über Marokko. Er ist Lehrer, wohnt eigentlich in der Stadt und hat hier nur seine Gartenlaube.
FesWir freunden uns an und er zeigt uns Nachmittags die Stadt. Herrlich, in Fes keine Touristen und unser Führer macht um jeden Teppichladen einen Bogen.
Abends essen wir gemeinsam. Seine Frau hat Taghine (hoffe man schreibt es so) gekocht und die ganze Verwandschaft ist eingetroffen, um uns kennen zu lernen.
Als Vorspeise gibt es kleine gebratene Fische. Wegen der Tischmanieren des neben mir sitzenden Onkels wird mir schlecht. Er spuckt die Gräten in weitem Bogen genau neben meinen Teller auf den Tisch.
Wir lernen mit Brot aus dem großen gemeinsamen Teller zu essen, sehr zur Belustigung der Anwesenden. Der Onkel leckt sich die Finger ab und zerteilt das Fleisch. Ich bekomme das größte Stück. Ich zögere, das soll ich essen, was er mit seinen abgeleckten Fingern in der Hand hatte ? Er leckt sich nochmals die Finger ab, nimmt mein Fleisch und zerteilt es in kleiner mundgerechte Stücke. Augen zu und durch. Mir ist schlecht.
Wieder haben wir Mühe ihnen verständlich zu machen, das wir im Auto schlafen.
Am nächsten morgen frühstücken wir gemeinsam und danach machen wir uns auf den Weg nach Azrou.
Die Landschaft bei Ifrane erinnert an Deutschland. Die Häuser entsprechen unserem Baustil, die Stadt ist sauber und gepflegt. Es regnet fast den ganzen Tag. Entschädigt werden wir mit einem schönen Übernachtungsplatz im Zedernwald, die erste Nacht wirklich ganz allein.

Schlammschlacht

Wir fahren die letzten Kilometer Teerstraße nach El-Ksiba. Dunkle Wolken ziehen am Horizont auf und bald prasselt Regen gegen die Windschutzscheibe. Wir wollen nach Imilchil in den Hohen Atlas und weiter in die Sahara.
BrückeDer Teer endet an einer Brücke. Beim Anblick der durch den Regen aufgeweichten Schlammpiste stockt uns der Atem.
Ich frage einen Einheimischen, ob die Strecke passierbar sei. Antwort: Nein.
Wäre sie mit einem Allrad zu befahren ? Antwort: Nein.
Der hat keine Ahnung, ich frage einen anderen, der auf einem Pferd daher kommt.
Ist es möglich die Strecke zu befahren ? Antwort: Nein.
Wäre sie mit einem Allrad zu befahren ? Antwort: Vielleicht, aber nicht mit unserem Auto.
Wenn man ein Auto hätte, das kein Allrad ist, aber wie ein Allrad fährt, wäre es dann möglich ? Antwort: Ain Salah.
Na also, warum nicht gleich so. Ich gehe zu Sabine und sage er hat gesagt es geht.

Auf gehts

SchlammschlachtDas Reifenprofil, obwohl Winterreifen, ist schnell zugesetzt. Dennoch wühlt sich unser Transit durch den Schlamm. Ich steige aus, mache ein Bild und meine Schuhe sind nicht mehr sauber zu kriegen. Sabine verbietet mir auszusteigen und so werden die nächsten Bilder durch die Windschutzscheibe gemacht.

Wasserfurt

Die Piste setzt sich im Flußbett fort, wo auf einer Strecke von 15 Kilometern der Fluß 27 Mal durchfahren werden muss. Gelegentlich schwappt die Bugwelle beim Eintauchen in den Fluß bis zur Windschutzscheibe und die lehmige Brühe läuft uns durch die Lüftungsrohre über die Füße.
Hoher Atlas
Die Piste windet sich in Serpentinen auf die 2.800 Meter hohe Paßhöhe. Das Thermometer sinkt auf minus 5 Grad.
Schnee auf der einspurigen Gebirgspiste treibt uns den Angstschweiß auf die Stirn, zumal jegliche Randsicherung fehlt.
Hinter Timaryne passiert es dann. Wir rutschen mit dem Heck in einen Graben. Shit, draußen Hagelt es. Mit Schaufel ist nicht viel zu machen, ich räume Steine weg, aber wir kommen nicht frei. Zufällig kommen fünf Männer auf Esel des Weges und helfen Schieben. Wir kommen frei, doch ein Reifen ist platt.
AtlasSabine kocht für die Männer warmen Tee und zum Abschied schenken wir jedem etwas von den Nicole zu klein gewordenen Kinderkleidern.
Ich wechsele mit steif gefrorenen Fingern das Rad. Inzwischen ist es dunkel und wir beschließen, gleich hier auf der Piste zu übernachten.
Draußen nimmt der Sturm zu. Plötzlich klopfte es an unsere Tür. Einer der Helfer bringt frisch gebackenes Fladenbrot und unter seinem Mantel hat er eine warme Kanne Tee, als Dank für die Kleidung. Sein Ort ist drei Kilometer weit weg.
Wir haben gerade gekocht und laden ihn zum Abendessen ein. Leider ist eine Verständigung nur schwer möglich, aber für uns bleibt es ein unvergeßlicher Eindruck.
BerberinAm nächsten Morgen genießen wir nach einer kalten Nacht einen herrlichen Blick in die mit Neuschnee bedeckte Bergwelt des Hohen Atlas. Die Wolken sind verzogen, strahlend blauer Himmel.
Über schlechte Pisten rumpeln wir hinab in die Todrahschlucht.
In Tinerhir schlendern wir über den Bazar, kaufen frisches Gemüse und lassen uns verzaubern von den orientalischen Düften, der feingemahlenen Gewürze, die mit der Mittagsluft in die Höhe steigen.

Gewürze

Camp AtlasEtwas unterhalb der Schlucht hatten wir einige schöne Campingplätze im Palmenhain entdeckt. Mit vollem Tank verlassen wir Tinerhir und fahren auf den Campingplatz "Altas". Eine warme Dusche und dann draußen unter Palmen sitzen, Tee trinken und dem quaken der Frösche zuhören, herrlich. Hier könnte man bleiben.

TodrahAm nächsten morgen geht es wieder auf die Piste. Unser Ziel ist Boumaine, aber nicht über die Straße der Kasbahs, sondern die Todraschlucht hoch bis Tamtattouch, die Querverbindung rüber nach Msemrir und dann die Dades-Schlucht hinab wieder an die Straße der Kasbahs.
Wir können uns kaum satt sehen an den Schönheiten der Schlucht. Den Ort Tamtattouch nennen wir in Betteldorf um. Nirgends sonst in Marokko begegneten wir so aufdringlichen Kindern.
Der Abzweig nach Westen war etwas schwer zu finden, aber dann ging es über mächtige Steinstufen bergan. Die Piste war so schlecht, das wir erst am späten Nachmittag Msemrir erreichten.
Brunnen DadesFrüh morgens bunkerten wir am Brunnen Wasser und machten uns auf den Weg zu einer der schönsten Pisten in Marokko.

Dadesschlucht

Msemrir
Msemrir

DadesschluchtIn Boumaine liesen wir unseren Reifen reparieren. Ich hatte neue Schläuche mit und bat den Mechaniker einen meiner Schläuche einzuziehen . Ich stand dabei und beobachtete die Arbeit, hatte ich doch Angst man würde die Felge oder den Reifen beschädigen. Zuhause beim Reifenwechsel sagte ich dem Mechaniker, er solle vorsichtig sein, denn in dem Reifen stecke ein neuer Schlauch, doch hervor kam ein mit hunderten von Flicken übersätes Etwas, was heute bei meinem Reifenhändler an der Ausstellungswand hängt.
Wir verlassen Boumaine in südliche Richtung.

Anti Atlas

Die Piste ist sehr steinig, ich fahre Schrittempo. Die Landschaft wird karger, aber auch phantastischer, Gebirge mit Pässen von 2200 Metern Höhe. Die schroffe, bizarre Hochgebirgslandschaft ist beeindruckend, immer wieder bieten sich einzigartige

Passhöhe

Ausblicke auf die umliegende Landschaft. Tafelberge, Pyramiden, einzelne Felsblöcke und andere phantastische Erosionsformen begleiten uns auf dem Weg zum Tizi-n-Tazazert. Hier existiert die Piste nicht mehr, oder wir finden sie nicht. Dafür erleben wir in absoluter Ruhe und Einsamkeit eine traumhafte sternenklare Nacht.
Auch am nächsten Morgen finden wir keine Piste. Seit gestern Mittag haben wir keinen mehr gesehen, den wir hätten Fragen können.

Strecke Antiatlas

Tazazert

Wir fahren zurück, halten uns an einer Gabelung östlich und erreichen wieder Tinerhir. In schneller Fahrt geht es über Teerstraße nach Erfoud.
Die schlechte Piste endet und wir fahren über eine Schotterebene an die Sanddünen des Erg Chebbi heran.
SandEin schöner Übernachtungsplatz ist schnell gefunden und es dauert nicht lange bis die ersten Händler mit Sandrosen, Tüchern und polierten Steinen bei uns eintreffen.
Kurz vor dem dunkel werden hören wir ein Mofa auf uns zu kommen. Der Händler spricht fast perfekt Deutsch. Wir laden ihn zum Tee ein und er revanchiert sich mit einem Tee am nächsten Tag in seinem Haus, natürlich nicht, ohne uns seine Teppiche zu zeigen.
Wir kaufen nichts.
"Kein Problem, mein Teppich in mein Haus, dein Geld in deine Tasche, wenn nicht heute dann ein anderes mal", war die Antwort von Hassan, einer der freundlichsten Händler, den wir kennengelernt haben. Wir besuchen ihn auf fast jeder Reise und inzwischen hat sich eine fast freundschaftliche Atmosphäre entwickelt.
Nächstes Ziel ist Marrakech. Die Asphaltstraße der Kasbahs macht ein schnelles vorwärtskommen möglich.


Ait Benhaddou

15 Kilometer hinter Ouarzazate fahren wir auf einer schmalen Straße nach Ait Benhaddou und über Piste weiter nach Telouet.
Die Landschaft ist wieder großartig und entschädigt den beschwerlichen Weg. Eine Steigung hat es in sich. 1.Gang und Vollgas, die 2,5 Liter Hubraum des Direkteinspritzers werden gefordert. Schwarzer Qualm liegt in der Luft, aber wir sind oben. Der weitere Streckenverlauf unbeschreiblich schön.

Atlas

 

ReifenpanneShit, schon wieder ein Reifen platt. Doch eine gute Stelle um das Rad zu wechseln ist nicht weit. In Anemiter stehen wir auf dem Schulhof ohne es zu merken. Erst als sich die Schulklasse um uns versammelt und der Lehrer uns zum Tee einlädt merken wir, wo wir sind.
Nach der angenehmen Teezeremonie werden, wie fast immer, die Adressen getauscht und wir werden gebeten zu schreiben. Doch zu Hause in Deutschland sind die Bekanntschaften schnell vergessen und die Gastgeber warten vergebens auf Post. Wir umgehen das, indem wir den Gastgebern sagen, sie sollen zu erst schreiben und wir antworten auf jeden Fall. Der Lehrer war der einzige, der uns geantwortet hat. Daraus ergab sich eine Brieffreundschaft, die von ihm irgendwann an seine jüngere Schwester übergeben wurde und von mir an meinen jüngeren Bruder. Heute sind die Beiden verheiratet.

Marrakech

MarrakechWir absolvieren das Touristenprogramm. Das Auto steht auf einem bewachten Parkplatz und ein staatlicher Führer zeigt uns im Eiltempo die Stadt. Die Führung endet in einem Teppichladen und neben dem zuvor ausgehandelten Preis verlangt der Führer Geschenke.
Irgendwann werden wir uns Marrakech mal ganz alleine ansehen und dann vielleicht bessere Erinnerungen haben.
Auf dem Weg nach Adadir fahren wir einen Umweg durch den Anti-Atlas. Doch die Eindrücke der Schluchten des Hohen Atlases, lassen alles bedeutungslos erscheinen.
Am Strand von Agadir fühlen wir uns nicht richtig wohl. Ich will zurück nach Tinerhir. Ich auch, antwortet Sabine. Fünf Minuten später ist der Transit voll getankt und wir auf dem Weg nach Tinerhir.


Blaue Quellen

In Errachidia besuchen wir die blauen Quellen von Meski und bleiben auf dem Campingplatz für eine Nacht. Wir waren die einzigen Touristen und haben übrigens auf unserer ganzen Marokko-Reise nur ein Pärchen mit einem Hanomag getroffen.

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