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Pistenkuh · Sabine und Burkhard Koch

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Kamerun, das Land der Bettler

"Hey, white man, welcome." Das hörten wir in Nigeria oft. In Kamerun werden wir mit "Hey, white man, give money", begrüßt. Sobald man uns als Weiße erkennt, werden wir angebettelt und zwar von jedem. Kinder kommen angerannt und brüllen von weitem: "Give me something." Alte Männer rufen: "Give money", und Frauen halten einfach die Hand auf. Wir sind bisher noch in keinem Land so angebettelt worden wie in Kamerun.
Wer uns alles anbettelt erfahrt ihr gleich.

Piste

piste schlamm kamerun

kamerun pisteAn der Grenze Nigeria - Kamerun endet der Teer. Die Lehmpiste wird in der Regenzeit aufgeweicht und durch die zu schweren Lastwagen entstehen so tiefe Löcher. Nein, keine Schlaglöcher, in denen vielleicht das Rad versinken würde, sondern richtige Löcher, in denen auch gut das Auto verschwinden könnte. Leider (oder zum Glück) ist keine Regenzeit und so sind die Pisten trocken und dank unserer großen Räder relativ gut zu befahren. So richtig Spaß muss es im Regen machen. Ich gucke jeden Abend nach den dunklen Wolken über uns, aber es will einfach nicht regnen, also hoffen (oder bangen) wir auf Kongo und ex Zaire.

breucke kamerunDie Brücken sind natürlich eine Schau. Gebaut 1901 von Deutschen für 10 Tonnen Achslast. Seit über 100 Jahren werden sie nicht gewartet und sie halten immer noch. Es knackt und knarrt, aber auf die Ingenieursleistung unserer Urgroßväter ist verlass.

bruecke kamerun 

Und natürlich ist Kamerun landschaftlich ein Traum. Sahel und Grasland im Norden, Tropischer Regenwald im Süden und dazwischen der Übergang, der etwas an die Schweiz erinnert.

wasserfall kamerun 

Aber jetzt wird erst mal gebettelt.

Dorfchef - hurra er lebt

Kurz vor Mamfe erzählt uns ein junger Mann eine rührende Geschichte. Vater gestorben, kein Geld für die Ausbildung, Verantwortung für seine kleinen Geschwister und seine Mutter. Wir kennen die Geschichte und haben sie in anderen Ländern schon oft gehört und sie endet immer mit den Worten: "Give me money."
Wahrscheinlich ist die Geschichte erfunden, aber wir wissen es nicht genau. Wir wollen helfen, nehmen uns Zeit und suchen den Dorfchef auf, um die Wahrheit der Geschichte zu ergründen.
Beim Dorfchef :
"Das gibt's doch nicht, guck mal wer da kommt", sage ich zu Sabine. Ferdinand, der junge Mann von gestern kommt aus dem Haus, es ist der älteste Sohn des Chefs, und hurra der Dorfchef steht noch voll im Leben. Chef und Sohn betteln nun gemeinsam: "You are rich, why you don't give money? You don't like us?"

Bank - Money transfer

Wir sind in einer kleinen Stadt und wollen in der Bank Geld wechseln, Euro zu CFA-Zentral. "Wollt ihr offiziell tauschen oder diskret?"
"Diskret natürlich."
Zack sitzen wir im Zimmer des Direktors, gepflegter Herr in Nadelstreifen und Krawatte. Büro übrigens weniger gepflegt. Akten liegen auf dem Boden, Eselsohren und Fettflecke gehören zu afrikanischen Akten dazu, brauche ich eigentlich nicht zu erwähnen. Die Ordner in den Regalen sind dick eingestaubt, Spinnenweben an den Fenster. Sein Schreibtisch aus edlem Mahagoni zieren zahlreiche Ränder seiner Kaffeetasse. Das Leder der einst lederbeschlagenen Tür hängt in Fetzen. Auf dem Fernseher läuft nicht CNN oder Bloomberg sondern irgendein Spielfilm in voller Lautstärke.
Die Verständigung ist wieder schwierig, denn wir sind im französisch-sprachigen Teil Kameruns. Irgendwas ist mit unserem Geld nicht in Ordnung. Die Scheine sind zu klein. Am Rande bemerkt: Wir reisen mit zahlreichen gefälschten oder sagen wir besser "optimierten" Papieren, aber unsere Banknoten sind alle echt. Ich schwöre.
Wir deuten es so, dass 200 Euro wohl zu "klein" sondern zu wenig sei. Okay, wir erhöhen auf 400 Euro, ist so ein bisschen wie beim pokern, aber der Kurs ist gut und Provision fällt ja nicht an, weil der Direktor seine Bank bescheißen und schwarz tauschen will.
banker kamerunJetzt liegen acht 50 Euro-Scheine auf dem Tisch, aber es ist immer noch zu wenig. Er will 500.
"Ich tausche keine 500. 400 Maximum, oder ich steig aus."
"Nein, nicht zu wenig, zu klein."
Ich werde langsam wahnsinnig: "Unser Geld ist nicht zu klein, die Scheine sind echte Fünfziger im Original, dann hol das Maßband und messe nach."

Ein Mann seines Vertrauens muss geholt werden, der uns die Probleme ins englische übersetzt: "Habt ihr nur kleine Scheine, 50ziger tauschen wir nicht, am Besten 500ter oder 1000ter Scheine, mindestens aber 100ter Noten."
"Hä?"
"Der Direktor tauscht für einen Kunden und der akzeptiert keine kleinen Scheine.  Unser Kunde fliegt mit dem Geld nach Dubai oder in die Schweiz und mit den kleinen Scheinen ist der Koffer so schnell voll."
"Äheeee." Jetzt verstehe ich auch das Schild "Money transfer".
Also gehe ich zum Auto und hole "große" Scheine.
Der Tausch geht über die Bühne oder besser gesagt über den bekleckerten Tisch, alles ist klar und wir sind schon in der Tür, da höre ich hinter mir den Direktor: "Ssssst, Ssssst, give money for me, because I must pay the translater."

Kirche - Halleluja

Sonntags gehen wir in die Kirche. Nein, ich bin nicht bekehrt, aber es ist bei den Afrikanern immer lustig. Da wird getanzt, getrommelt und manchmal in strengem Ton eindringlich gepredigt. Für uns ist das mehr eine Kabarett Veranstaltung. Also sitzen wir ganz hinten auf der ungehobelten Holzbank und lauschen der Predigt über Römer irgendwas. Der Pfarrer entdeckt uns und natürlich müssen wir nach vorne zum Altar und uns der Gemeinde vorstellen. Der Gottesdienst geht weiter und zum Schluss kommt das Fürbittengebet. Ich sitze anständig mit gefalteten Händen und gesenktem Kopf immer noch auf der Holzbank und traue meinen Ohren nicht: "... and last we want begging the lord that the white man give plenty money for the new roof of the church."

kirche  

Der Fon - immer beschäftigt

In Bandjoun möchten wir eine der vielen Chefferien besichtigen. Diese hier soll eine der schönst erhaltensten sein. Eine Chefferie ist der Palastbereich des Herrschers, des Fon. Ähnlich einem Sultan in der arabische Welt. Oder einem König früher bei uns. In unserem Reiseführer steht, man könne die Chefferie mit Ausnahme der Frauenhäuser besichtigen, gegen ein Entgeld natürlich. Weiter steht in dem Büchlein, dass der Fon 54 Jahre alt ist, in seinem Palast mit 62 Ehefrauen lebt und mit ihnen (bis 2005) 378 Kinder gezeugt hat. Inzwischen dürfte er wohl die 400ter Marke geknackt haben.
Den Pracht-Gockel gucken wir uns mal an.


chefferie

Aber die Chefferie ist verwaist, niemand da. Nicht schlimm, knapp 30 Kilometer weiter in Bangangté wohnt der nächste Hahn mit etwa 40 Frauen und einigen hundert Kindern.
Laut Reiseführer kann man auch diese Chefferie besichtigen. Ein Diener empfängt uns und wir sollen im Hof warten. Fünf Minuten später ist er zurück, der Fon möchte unsere Ausweispapiere sehen. Also laufe ich zurück zum Auto und hole die Pässe. Wieder warten. Dann bekommen wir die Pässe zurück und der Diener sagt: "Der Fon lässt ausrichten, das er euch heute nicht sehen will. Ihr sollt morgen noch mal kommen und um einen Besuchstermin bitten, dann entscheidet der Fon erneut ob es ihm passt oder nicht."
"Wir wollen ja gar keine persönliche Audienz beim Gockel, wir wollen uns nur mal seine Bude ansehen und die tollen handwerklichen Fähigkeiten seines Volkes bewundern, die sonst nicht in der Lage sind, eine Radmutter richtig anzuziehen," entgegne ich sinngemäß. "Der Fon ist heute beschäftigt, kommt morgen wieder und bringt Geld mit."
Wir fragen besser nicht nach, womit er beschäftigt ist, können es uns schon denken. Inzwischen geht uns der Palast und der bettelnde König am Arsch vorbei und wir fahren weiter in Richtung Süden.
Später lese ich in dem dicken Schinken vom Peter (Scholl-Latour) über den Reisenden Kandt im Jahre 1898 "... Er fühlte sich vom Fon beleidigt und wurde sogar von diesem, der sich einer Begegnung verweigerte, mit der Forderung nach zusätzlichen Geschenken bedrängt."
Eine Genugtuung, dass Kandt vor 110 Jahren auch nicht in die Bude durfte.

Das doofe Kind

Ich mache kaum noch Fotos, immer will irgendeiner Geld. Fotografiere ich ein Auto am Straßenrand ertönt es aus irgendeiner Spelunke: "Hey, give money, das Auto gehört mir." Fotografiere ich einen Kaffeestrauch auf der Plantage "Hey, give money, der Strauch gehört mir." Menschen sind gar nicht zu fotografieren, denn dazu hätte ich gern vorher deren Einverständnis, aber das scheitert immer an den horrenden Geldforderungen, die den Tageslohn eines Arbeiters mehrfach übersteigen. Mit meinen gebotenen zwei Bonbons werde ich nur ausgelacht.
Ein vielleicht 12 jähriges Kind lässt sich gerne fotografieren und die zwei Bonbons sind okay. Ich habe die Kamera gerade weg gepackt, da kommt ein Mann um die Ecke, behauptet das sei sein Kind (und ich dachte schon alle Kinder seien vom Fon) und will umgerechnet 5,- Euro fürs Foto einstecken.
"Ich habe doch vorher gefragt und das Mädchen war einverstanden."
"Das Kind ist doof, dass weis nicht wie viel Geld ihr Weißen habt."

echse  

Der doofe Lkw-Fahrer

Wir kriechen hinter einem Lkw her. Der gar nicht mal so alte Mercedes zieht einen vollbeladenen wahrscheinlich überladenen Bierauflieger den Berg hoch und qualmt tief schwarz, so dass ein Überholen nicht möglich ist, weil ich durch den Ruß den Gegenverkehr nicht erkennen könnte. So was habt ihr noch nicht gesehen.
Er schaltet noch mal runter und jeder Fußgänger wäre schneller.
Dazu muss man sagen, das die Kameruner ihre Straßen gerade den Berg hinauf bauen. An Serpentinen hat man nicht gedacht, nicht gewollt oder nicht gekonnt. Die Steigung ist deutlich steiler als 12 % ich tippe mal auf 15-18 %.
Plötzlich bleibt der Bierlaster stehen, der Motor ist verreckt. Nicht kaputt, sondern einfach im ersten Gang abgewürgt, weil die Kraft fehlt, trotz 320 PS. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten, entweder einen Teil abladen oder langsam rückwärts den Berg wieder runter. Der Fahrer entscheidet sich für die dritte, die afrikanische Lösung. Er startet den Motor und versucht mit Vollgas und schleifender Kupplung am Berg anzufahren. Nicht einmal, nicht zweimal, sondern solange bis die Kupplung in einem beißenden blau-weißen Qualm den Geist aufgibt. Normalerweise hätte man ihn aus dem Auto treten müssen, so etwas einem Mercedes anzutun, gerade er muss doch wissen, das jedes Ding eine Seele hat.

Tropenholz

holztransportWir erinnern uns ans Siegerland nach dem Kyrill im Sommer, wo wochenlang die Motorsägen zu hören waren. Hier hat kein Sturm gewütet, hier wütet man selbst. Man holzt ab, was vor die Säge kommt. Internationale Holz-Firmen schaffen das Teak, Mahagoni und andere Tropenhölzer zu dem Seehafen und verschiffen es zu Käufern in alle Welt. Erschreckend ist, wie auf dem Land die einheimische Bevölkerung mit ihrem Holz umgeht. Da werden Bäume gefällt und gleich an Ort und Stelle mit der Kettensäge Bretter geschnitten. Schnittbreite 10mm und Brettstärke 15-20 mm. Aus einem Urwaldriesen bleiben so ein fast zwei Meter hoher Haufen Sägespäne und ein Sack Küchenbrettchen übrig.

Entwicklungshilfe oder Verarschung

sucht euch die passende Überschrift aus.

Erst ein kleiner Rückblick. Anno 1995/96 veranstalteten wir einige Afrikaausstellungen für die Volkshochschule des Kreises Siegen. Viel Idealismus - wenig Geld.
Im Zuge dieser Ausstellungen lernte ich einen Gymnasial-Lehrer kennen, (muss juristisch noch prüfen lassen, ob ich Namen nennen darf) der einige Exponate aus Kamerun zur Ausstellung beisteuerte.
Im gleichen Jahr kauften wir unseren Deutz und rüsteten ihn auf größere Reifen um. Die noch brauchbare kleinere Bereifung wollten wir verkaufen. Um es kurz zu machen, es stellte sich heraus, das jener Lehrer ein Projekt in Kamerun unterstützt. In diesem Projekt haben sich Kleinbauern (Kakao und Kaffee) zu einer Kooperative zusammengeschlossen. An seiner Schule in Herchen wurde (viel) Geld gesammelt und insgesamt vier gebrauchte Allrad-Lkw gekauft, darunter auch zwei ehemalige Werkstattwagen der Bundesbahn. Wir machten einen wirklichen  Freundschaftspreis für die Reifen und ich habe sie nach Herchen zur Schule gefahren, wo ich einen der Lkws sehen konnte. Technisch war der drei Jahre alte Wagen im Top-Zustand, man könnte sagen neuwertig. Die Schüler hatten den Kögelaufbau liebevoll mit Gras- und Blumenmotiven bemalt. Der Lehrer erzählte uns von Geldtöpfen des Bundes und der Kirche, wo man ran käme und interessante Geschichten aus Kamerun. Die Lastwagen brauche man, um die Ernte bei den Kleinbauern abzuholen und zum Hafen zu bringen. Man habe es geschafft, die Kooperative in einen Fair-Trade Handel einzubetten, so das sie für ihre Produkte ordentlich bezahlt werden. Regelmäßig (ich meine alle zwei Jahre) fährt er nach Mamfe und tut Gutes. Mir kam sofort der Gedanke: "Klasse, Abenteuer Afrika auf Kosten der Spender und der Steuerzahler, warum komme ich nicht auf solche Ideen?" Aber ich will nicht von mir auf andere schließen, kenne den Lehrer und die Finanzierung nicht wirklich und unterstelle daher mal faire, edle Absichten.
mamfe schrottAnfang Januar 2008 sind wir in Mamfe. Direkt neben der Hauptstraße sehen wir das Schild der Kleinbauernkooperative MACEFCOOP und die vier Lastwagen stehen. Vollbremsung und rauf auf den Hof. Kein Lastwagen ist mehr fahrbereit. Ich kann den Zustand kaum fassen, wie kann man ein Fahrzeug so zurichten. Es sieht aus, als wären sie alle mutwillig zerstört worden. Motor und Getriebe sind ausgebaut. Antriebswellen fehlen, die offenen Achsrohre sind nicht verschlossen worden. Regenwasser steht in den Differentialgehäusen und Öl sickert ins Erdreich. Ich erkenne die Lkw wieder, die Blumengemälde der Schüler aus Herchen sind deutlich zu erkennen. Die Aussenhaut des Koffers ist aufgerissen, das Ding total demoliert. Seht euch einfach die Bilder an.

schrott 

Der Direktor (toller Titel) kommt und begrüßt uns. Ich bin verärgert, obwohl mich die Sache nichts angeht und frage, gegen wen man mit diesen Fahrzeugen Krieg geführt hat.
mercedes schrott"Die Fahrzeuge sind auf unseren schlechten Straßen kaputt gegangen. Wir haben kein Geld um die Straßen besser zu bauen."
"Okay, aber in Guinea sind die Straßen auch nicht besser und dort fahren Lastwagen die 20 Jahre und älter sind. Da sieht kein Fahrzeug nach 10 Jahren so aus."
"Die Lastwagen waren ja schon alt als sie aus Deutschland kamen. Die waren nicht neu."
"Ach so. Und jetzt? Kauft man neue Fahrzeuge?"
"Wir brauchen neues Geld, wir können nichts kaufen."
"Aber ihr bekommt einen ordentlichen Preis im fairen Handel und bildet doch bestimmt Rücklagen in Höhe der Abschreibungen?"
hungermarsch"Der alte Manager hat das Geld unterschlagen und ist damit weg. Die Kasse ist jetzt leer. Das ist die Situation. Möchtet ihr die Lagerhallen und das Büro sehen?"
"Nein, mir reicht was ich gesehen habe, danke."
Der Manager lädt uns zum Essen in ein Restaurant ein, wir lehnen ab. Stattdessen sehe ich noch mal bei den Lkws. In dem einen Magirus ist noch der Motor eingebaut, ich ziehe den Ölmessstab und eine zähe schwarze Pampe klebt am Stab. Alle Achs- und Federlager trocken, die sind nie gewartet worden. Bei genauer Betrachtung ist es ganz klar. Überladen zu schnell auf schlechten Straßen und nie hat sich irgendwer um irgendwas gekümmert. Schade. Ein Mitarbeiter möchte, dass wir unbedingt doch noch mit ins Restaurant fahren, wo sein Chef und die anderen Mitarbeiter schon warten.
Okay.
schrottIm Restaurant sitzen neun Personen, einige trinken, andere saufen Bier und Essen zu Mittag. In Anbetracht der katastrophalen finanziellen Lage beschränken wir uns auf eine Cola. Alle am Tisch sind Mitarbeiter der Kooperative. Haben jetzt ein Geschäftsessen, weil wichtige Dinge heute morgen besprochen worden sind.
Ich bin neugierig: "Worum ging es heute morgen?"
Der Direktor öffnet seine Aktentasche und gibt mir einen Brief zu lesen. Darin sagt ein englischer Kakaohändler seinen Besuchstermin im März ab.
"Wir haben heute morgen diskutiert, was wir jetzt machen."
"Und was macht ihr jetzt?"
"Wir warten erst mal ab. Wichtig ist, dass wir neues Geld kriegen."

freunde 

Im nächsten Internetcafe habe ich mir die Homepage über das gescheiterte Projekt angesehen und da liest man: "Erstmals gibt es eine reelle Chance, dass nach der Kleinbauernkooperative MACEFCOOP auch die Presbyterian High School Besongabang mittelfristig auf eigenen Beinen stehen kann."
Von den zerstörten Lastwagen, dem unterschlagenem Geld, dem wirtschaftlichen Chaos der Kooperative gibt es keine einzige Zeile. Weiterhin wird Spendengeld gesammelt, jetzt für oben genante Schule. Wer spenden will und mehr zu dem Projekt wissen will guckt mal hier:
www.bgh-windeck.de/ausland/kamerun.htm.

Kribi - Kein Paradies mehr

Seit Wochen freuen wir uns auf Kribi. An den Traumstränden Kameruns, dort wo Kokospalmen am feinen weißen Sandstrand stehen und dahinter nahtlos der tropische Regenwald beginnt, werden wir bestimmt andere Reisende treffen. Wir werden ein paar Tage zusammen am Strand leben, frischen Fisch den Fischern abkaufen, Cocktails mischen und die Baccardi und Becks-Bier Werbung nachspielen.
Das Strandstück, bei den Lobe-Wasserfällen, dass als Treffpunkt gilt, ist verwaist. Keiner da. Einheimische stürmen auf uns zu. Keine Begrüßung, kein Hallo sondern gleich: "Bier, Bier, Money, donez moi le charge."
Am Strand zu campen kostet 8 Euro. Nach ätzenden Verhandlungen mit den nach Bier riechenden Jugendlichen des Dorfes sind wir bei 80 Cent. Für uns okay und wir bleiben zwei Tage.
fischWir werden von einem amerikanischen Ärzteehepaar, die in einer Klinik im Norden Kameruns ehrenamtlich operieren (Entwicklungshilfe), zum Fisch essen in eines der kleinen One-Table-Restaurants am Strand eingeladen. Der Amerikaner handelt pro Person 2000 CFA für den Fisch aus und beim Kassieren will der Chef plötzlich 5000, völlig überzogen, dafür kann man in einem richtigen Restaurant dinieren. Zum Schluss wird der "Chef" aggressiv und nennt den Amerikaner einen Lügner und Betrüger. Später erfahren wir, dass wir keinen Einzelfall erlebten, sondern bei vielen Besuchern schon (von "Restaurantbetreibern") mit Gewaltandrohung Geld erpresst wurde.

kribi

Irgendwo müssen die anderen Afrikafahrer doch sein. Seit Senegal haben wir keinen anderen Reisenden getroffen. Wir fahren mal die Küste weiter in Richtung Süd. Traumhaft. Überall finden sich herrliche Möglichkeiten, im Schatten der Urwaldbäume am Strand zu campen. Aber wir sind völlig allein, keine anderen Reisende.
"Hey, wo seit ihr, ich hab ne volle Kiste Bier dabei, Ananas, Kokosnüsse und jede Menge Baccardi."
Keiner Antwortet. Also fahren wir an den Strand, bauen Tisch und Stühle auf und sind im Paradies. Es dauert zwei Stunden, bis zwei Jugendliche kommen, denen angeblich der Strand gehört und dafür eine kleine Gebühr von 8 Euro pro Nacht kassieren wollen. Runter handeln ist nicht möglich, es endet unfreundlich, die Beiden drohen, die Nächte wäre sehr gefährlich, wenn wir nicht für unsere Sicherheit zahlen. Wir verlassen "ihren" Strand. Kein Problem, denn das Paradies zieht sich über fast 30 Kilometer. Um es kurz zu machen: Wir packen im Stundentakt unsere Sachen. Der Strand kostet immer 8,- Euro und es endet jedes Mal unfreundlich, manchmal aggressiv. Ein Verhandeln ist nie wirklich möglich. Wir haben so etwas in den letzten vier Jahren noch nirgends erlebt. Also fahren wir und uns ist jetzt auch klar, warum hier kein Tourist mehr zu finden ist.
Ein letzter Versuch bevor wir zum fünften Mal einpacken und fahren. Der letzte Strandbesitzer sprach relativ gut englisch und ich Frage ihn: "Der Strand ist herrlich. Die Sonne versinkt im Meer. Das Klima super. Alles passt, aber kein einziger Tourist ist hier, woran liegt das?" "Unsere Regierung ist schlecht, sie gibt uns kein Geld und sie tut nichts, damit Touristen kommen."
Wir fahren etwas geladen zurück an "unseren" Strand bei den Lobe-Wasserfällen. Die Jugendlichen sind inzwischen angetrunken und statt welcome wird Bier gefordert. Ich steige gar nicht aus, hätte sonst einen von denen erschlagen, und drehe um.
"Und jetzt?", fragt Sabine.
"Ich habe die Schnauze gestrichen voll von dem Pack. Ich gebe eher 100 Euro in einem Hotel aus, dass einem Weißen gehört, als dass ein Schwarzer noch 10 Cent bekommt. Das ist jetzt keine Frage des Geldes, das ist eine Frage der Hautfarbe."
Sabine blättert im Reiseführer: "Hier Seite 366: Hotel Ilomba Beach von Schweizern geführt, gehobenes Preisniveau." "Genau da will ich hin."
Fünf Minuten später stehen wir auf dem Parkplatz, auf dem überwiegend noble Karossen mit Diplomaten-Kennzeichen parken.
Es ist Freitag Abend, das Hotel füllt sich, viele Deutsche. Die meisten kommen aus der Hauptstadt übers Wochenende her, Regierungsberater der Weltbank, der WHO, der PAM und anderen internationalen Organisationen.
Wir führen nette Gespräche und können unsere Aggression abbauen. Wir genießen die Atmosphäre. Im Restaurant gibt es Stoffservierten, wohltemperierten Wein und vor allem sind unsere Tischnachbarn, Regierungsberater aus Deutschland, vielseitig interessiert, gebildet und können mit Messer und Gabel umgehen. Das sie nicht mit vollem Mund sprechen, Gräten nicht in die Hand spucken und ans Tischtuch schmieren, brauche ich euch nicht erzählen. Für uns eine Oase der Zivilisation und wir bleiben das Wochenende.
Wir verlassen Kribi auf der Piste in Richtung Ebolowa und nach wenigen Kilometern sind die Einheimischen wieder normal. Seltsam. Es wird auch gebettelt, klar, aber jeder ist freundlich, winkt, lacht und man kann verhandeln und scherzen.

... und wenn sie nicht (an Aids) gestorben sind, dann betteln sie noch heute. Gute Nacht Kamerun.

Noch ein kleiner Nachtrag zur Entwicklungshilfe, vielleicht schreibe ich dazu mal einen kompletten Bericht, von einem Mitberater der Weltbank (nicht in Kamerun) erfahren wir beim Abendessen, dass es im Schnitt 300 Hilfsorganisationen mit mehreren 1000 Projekten in jedem afrikanischen Entwicklungsland gibt. Eine Absprache oder Koordination gibt es nicht. Allein die staatlichen Hilfsprojekte zu koordinieren ist eine fast nicht zu bewältigende Aufgabe.

Liebe Gruesse
Sabine und Burkhard

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